Ich habe den ganzen Sommer gebraucht

Wir sind vermutlich nicht die ersten, die daran gedacht haben, zu gehen. Wir bleiben aber dennoch hier, es ist öde, Trendgewichse, aber eine Alternative gibt es nicht, ist ja sowieso alles dasselbe hier. Oder das Gleiche? Egal, ich kann mir den Unterschied nicht merken, habe es bestimmt schon 1.001 mal gegooglet und im Zwiebelfisch nachgelesen.

Also kippen wir Cola mit billigem Whiskey herunter als ob es kein Morgen gäbe und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Um uns herum ist es so verqualmt, dass wir die anderen Gäste, die lediglich ein paar Meter entfernt stehen, nur noch schemenhaft erkennen können. Ich frage Patrice alle paar Minuten nach der Uhrzeit, mir scheint es eine Ewigkeit, die wir hier herumstehen und nichts tun außer trinken, rauchen und uns langweilen.

Plötzlich fällt mir Josh ein und er fehlt mir sehr. Er ist schon ein paar Tage unterwegs, also nicht in Berlin, und solange ich viel zu tun habe, denke ich nicht so sehr an ihn. Aber jetzt, hier auf dieser unerträglich einfallslosen Veranstaltung, vermisse ich ihn. Josh ist ein ziemlich smarter Kerl, auf jeden Fall bringt er mich fast immer zum Lachen. Und Lachen hilft gut gegen Eintönigkeit. Patrice ist zudem nicht so gut drauf, das macht den Abend nicht besser.

Wir gehen an die Bar, da ist die Musik nicht ganz so laut und ich frage Patrice, was los ist. Er rollt nur mit den Augen, irgendwas mit Suppe versalzen murmelt er noch. Das soll ich nun verstehen, könnte ihm ja tatsächlich heute passiert sein, Patrice ist schließlich Koch und Perfektionist, wenn es um die Zubereitung von Speisen geht. Könnte aber auch eine Umschreibung für irgendwas sein, mein Bruderherz spricht gerne in kulinarischen Metaphern, wenn es um das Leben geht.

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht, um zu verstehen, wohin die Reise geht. War eine lange Durststrecke, Schreibblockade sozusagen, die ich zurücklegen musste. Aber jetzt kann ich es kaum erwarten, mit meiner neuen Reportage loszulegen. Vielleicht hab ich deshalb auf den ganzen Kram hier nicht so Recht Lust. Mir kribbelt es in den Fingern, der Stoff will fließen. Das Reportagen-Konzept zum umreissen ist noch der geringste Aufwand. Ich muss vor allem viel Recherchieren und ein paar geeignete Interviewpartner finden. Zeitzeugen. Wenn es denn noch welche gibt, die sich erinnern können. Und wollen. Ich muss mal GM anfragen, der hat seine Kontakte und kennt einen, der einen kennt, der einen kennt. Außerdem ist er mir noch einen Gefallen schuldig. Ich hab ihm ja letztes Jahr ein paar heiße Tipps für seine Story gegeben. Hat bei der Veröffentlichung auch für einigen Wirbel gesorgt, und der gute GM hat ordentlich Lob dafür bekommen.

Neben uns steht plötzlich so ein junges Ding, kurzer Rock, hübsche Beine, Schmollmund und strahlt Patrice mit ihren großen blauen Augen an. Mein Bruder lächelt zurück, na also, Laune besser, vielleicht wird es doch noch ein cooler Abend.

An der Bar herumstehen und …

… Whiskey-Cola gegen die Langeweile trinken