Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven

Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven. Es ist laut, dreckig, voller Autos. Alles muss immer cool sein, dabei ist es nichts als eine Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen aller Art. Wirklich schön ist Berlin auch nicht. Außerdem bereitet mir diese ständige Schwüle im Sommer Kopfschmerzen. Kann es nicht einfach mal ein paar Tage am Stück einfach nur angenehm warm und trocken sein? Und dann ist plötzlich Herbst. Ach, ich bin unleidlich. Nichts ist gerade so, wie es mir gefällt. Aber wie es anders besser sein könnte, weiß ich ja auch nicht. Kompliziert das alles.

Ich bin hier geboren und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich am liebsten weg möchte von hier. Vielleicht liegt es nicht an der Stadt, ich bin ja woanders auch ich und dort gefällt es mir vielleicht auch nicht.

Auf der anderen Seite ist es schon spannend hier zu sein, mittendrin. Und zu sehen, dass Berlin immer schon Berlin war. Also zumindest in den letzten 100 Jahren. Im Sommer war ich mit Vincent im Freiluftkino Central in den Hackeschen Höfen. Da gab es diesen tollen Stummfilm „Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt“ von Walther Ruttmann zu sehen. Mit Live-Elektro-Musik von Tronthaim. Das war cool. Die Stadt war natürlich anders, weil vor dem zweiten Weltkrieg, schwarz-weiß und ohne Ton. Aber irgendwie doch auch wie heute.

Deswegen liebe ich auch die Romane von Kästner so, die in Berlin spielen. Zum Beispiel Fabian. Oder Emil und die Detektive. Das Buch habe ich als kleines Mädchen bestimmt 20 Mal gelesen. Und dann hatte ich es auch noch als Hörspiel. Besonders schön ist die Stelle, als Emil Herrn Grundeis im Zug trifft und dieser dubiose Herr Emil von Berlin erzählt. Emil kennt Berlin noch nicht und ist wahrlich erstaunt darüber, dass es dort Häuser geben soll, die gut 100 Stockwerke hoch sind und die man am Himmel festbinden muss, weil sie sonst vom Wind weggeweht werden. Das erinnert mich eher an Hong Kong oder New York – aber Wolkenkratzer scheinen ein Symbol für Großstädte zu sein. Immerhin gibt es ja den Versuch moderne, „hochgewachsene“ Gebäude am Potsdamer Platz zu etablieren.

Aber auch über die Leute, die in Berlin leben, weiß Herr Grundeis Urkomisches zu berichten: So lassen sich die einen per Rohrpost verschicken, wenn sie es besonders eilig haben. Auch ein typischer Charakterzug von Großstädten: Die allgemein hektische Grundstimmung – alles muss schnell und schneller gehen. Und die anderen, die mit chronischer Geldnot, verpfänden ihr Gehirn auf der Bank. Was uns Kästner damit sagen will, ist wohl glasklar. Schon damals waren die Banken nicht gerade die Heilsarmee …

Aber ob es damals auch schon überall Glasscherben gegeben hat? Ich kenne keine andere Stadt, in der die Menschen ihre Glasflaschen einfach achtlos in der Gegend herumwerfen, so dass es knirscht beim Gehen. Also fast. Auf jeden Fall macht mir Fahrradfahren schon lange keinen Spaß mehr. Es nervt, wenn man alle zwei Wochen den Schlauch flicken muss. Oder gleich ganz wechseln. Für die Fahrradläden dieser Stadt auf jeden Fall ein gutes Geschäft.

Ich glaube, ich muss Papa mal fragen, wie das vor 40 Jahren hier war. Er war ja im Westen und im Osten. Ich habe ihn eigentlich noch nie so richtig danach gefragt. Nach seiner Geschichte, wie er nach Berlin gekommen ist und so. Von sich aus erzählt er nicht viel. Ist wahrscheinlich auch kein Wunder. Ich habe Elisabeth ja auch erst 1996 kennen gelernt. Da war er mit Mama schon nicht mehr zusammen. Immerhin habe ich mit Emma und Patrice zwei famose Geschwister. Schade, dass wir uns erst Mitte der 90er Jahre getroffen haben. Ich habe mich früher oft einsam gefühlt. Vielleicht rührt meine melancholische Ader auch daher. Wenn Du mit Dir selbst die Dinge ausmachst, kommen schnell Zweifel auf.