Ich hätte es vielleicht besser machen können

Es gibt eine Sekunde, an der die Ampel schon grün ist, aber sich nichts bewegt. Diese Sekunde ist eine Ewigkeit der Stille. Die Sekunde in der die Ampel schon rot ist, ist hingegen die bewegte Zeit. Fussgänger, Fahrrad- und Autofahrer versuchen rasend noch über die Straße zu gelangen, bevor der Querverkehr loslegt. Das ist besonders faszinierend zu beobachten, wenn Du an einer großen, breit angelegten Kreuzung in Berlin stehst und der Stillstand sich von einer Sekunde zur anderen in hektische Betriebsamkeit wandelt.

Ich bin jetzt schon 40 Jahre hier und die Karosserien der Autos sehen heute ganz anders aus, die Bekleidung der Fußgänger und Radfahrer hat sich der jeweiligen Mode entsprechend angepasst, aber der Verkehr hat sich nicht verändert. Als ich vor dem Fall der Mauer zwischen Ost- nach West-Berlin hin- und hergefahren bin, waren die Autos ganz klar zu unterscheiden: Trabant und Wartburg hier, Mercedes, BMW und VW dort. Heute gibt es von allem etwas, auch alte Ost-Autos fahren noch herum, aber meistens sind die Autos neueren Datums und sehen alle gleich aus, egal aus welchem Teil dieser Welt sie kommen.

Die Frauen allerdings, die ich geliebt habe, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Elisabeth war groß gewachsen, hatte wallendes rotes Haar und eine kräftige Stimme. Sie war immer so pragmatisch und hat den Dingen ihre Farben gegeben. Vielleicht war sie deswegen Maskenbildnerin. Sie hat mir einmal gesagt, dass sie ein Gesicht nicht bemalt, um es zu maskieren. Sie wollte jeden Gesicht ein Gesicht geben, das Charakteristische herausstellen. Und das ist ihr immer wieder hervorragend gelungen. Am Theater haben sich die Schauspieler darum gerissen, von ihr geschminkt zu werden. Am liebsten wollten alle immer hässlich gemacht werden und waren dann selbst erschrocken, wie viel von der geschminkten Hässlichkeit ihr Selbst zeigte. Aber Elisabeth war keinesfalls bösartig. Sie hat die Dinge, die Gesichter nur in all ihren Facetten begriffen. Und gezeigt, dass Schönheit ohne Hässlichkeit nicht sein kann.

Marlene hingegen ist ganz zierlich, hat blondes, feines Haar und einen elfengleichen Gang. Sie baut Welten, die es so nicht gibt und die immer etwas sehr befremdliches an sich haben. Ihre Bühnenbilder sind entweder extrem kalt, oder extrem laut, oder extrem überdreht. Auf jeden Fall immer sehr unwirklich. Marlene hat mir erklärt, dass sie die Kulissen aus ihren Träumen holt. Jedes Mal, wenn ein neues Stück ansteht, träumt sie sich regelrecht in dieses Stück hinein. Sie schreibt alles akribisch auf, sofort nachdem sie aufgewacht ist, damit sie später das Bühnenbild aus ihren Träumen zusammenbauen kann. Dieses traumhaft Unechte hat seinen Reiz, es irritiert die Zuschauer und bringt auch die Schauspieler manchmal ordentlich durcheinander.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon erstaunlich. Auf den ersten Blick würde man denken, dass Elisabeth wie Marlene und Marlene wie Elisabeth sein müsste. Aber hier täuschen die Äußerlichkeiten den Betrachter. Wenn ich Emma und Lisa zusammen sehe, dann sehe ich Elisabeth und Marlene vor mir. Die beiden haben sich nie kennen gelernt. Ich hätte es vielleicht besser machen können. Vincent hat mich vor kurzem gefragt, ob ich nie den Wunsch gehabt habe, beide Frauen einander vorzustellen. Er ist ziemlich direkt, der junge Mann. Und einen gesunden Menschenverstand hat er, der Freund meiner Tochter. Aber damals war das alles nicht so einfach. Zwei Frauen, eine in Ost-, die andere in West-Berlin. Zwei Töchter, von jeder eine. Und dann die Krankheit von Elisabeth. Ach, Ausreden. Ich war feige und egoistisch. Ich habe es genossen, meinen Kopf in zwei Schösse legen zu dürfen und zwei Frauen lieben zu können, die mich mit ihrer Verschiedenheit erst zu einen ganzen Mann haben werden lassen. Zu groß war meine Angst, die eine oder andere könnte mich verlassen, wenn sie von der Zweigleisigkeit meines Tuns erfährt. Ich habe sie unterschätzt. Vor allem Elisabeth.

Eine Nanosekunde Stillstand