Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht Deine Wahrnehmung der Dinge

Wie der mich nervt. Spricht zu laut und muss sich ständig durch seine fettigen Haare streichen. Und dann noch dieses überzogene Popstar-Gehabe. Und wenn Lisa nicht endlich aufhört, mir diesen Peter einreden zu wollen, muss ich mal ein ernstes Wort mit ihr reden. Lisa will mir sowieso ständig irgend einen Typen „ans Herz legen“. In ihren Augen scheine ich es dringend nötig zu haben, endlich „in festen Händen“ zu sein. Dabei will ich gar nicht. Ich bin glücklich als Single. Ich geniesse meine Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Für Lisa offensichtlich unvorstellbar, dass ich nicht so scharf darauf bin, „unter der Haube“ zu sein. Sie hat mir ja erst vor kurzem gesagt, ich sei wie diese Frau, die „ihr“ Fabian in dieser Bar trifft.

Lisa und Fabian. Lisa und Kästner. Wahrscheinlich eine Verbindung bis ans Ende aller Tage. Das klappt gut, ist ja auch risikoarm. Da die Kommunikation nur in eine Richtung verläuft (Kästner schreibt, Lisa liest), kann es keine Konflikte geben. Was die lebenslange Beziehung erheblich vereinfacht. Aber irgendwie schon rührend. Ihre Leidenschaft für diesen Schriftsteller.

Bei Lisa und Vincent ist es anders. Sie streiten sich oft. Was in der Natur des Gegensätzlichen liegt. Die beiden sind wie zwei Pole, die die sich anziehen und dabei gleichzeitig abstossen: Lisa neigt dazu, Dinge zu dramatisieren, Vincent hingegen sieht die Dinge entspannt und beschwichtigt gerne. Meine Freundin geht die Dinge gerne so an, wie sie sie geplant hat, Vincent jedoch ist eher spontan und lässt die Dinge auf sich zukommen.

Die Dinge. Wenn ich darüber nachdenke, ist es vielleicht die Sicht auf „die Dinge“, die uns unterscheidet, die dazu führt, dass es so viele Auseinandersetzungen gibt – in Beziehungen oder zwischen ganzen Bevölkerungsgruppen. Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht Deine Wahrnehmung der Dinge ist nicht Eure Wahrnehmung der Dinge usw. Was ich sagen will: Kein Wunder, dass wir uns ständig in die Haare kriegen, sehen wir die Welt doch mit mindestens 14 Milliarden verschiedenen Augen. Natürlich hilft Sprache, sich über gewisse Wahrnehmungen, Einstellungen oder Erfahrungen zu verständigen. Wir sind schließlich sozial und wollen die Welt nicht nur über unser eigenes geschlossenes System erfahren – wir wollen uns darüber auch mit anderen austauschen. Nur, dass der Austausch bzw. die Kommunikation mit einem nicht zu unterschätzenden Konfliktrisiko behaftet ist. Weil wir das, was der andere sagt, immer auch bewerten. Und die Bewertung erfolgt anhand meiner individuellen „Sichtweise“. Insofern sind wir alle tatsächlich einzigartig: Die Gesamtheit meiner, Deiner, Eurer Sichtweisen, also die individuelle Kombination derselben, ist einzigartig und kann in Gänze mit niemandem komplett harmonisch geteilt werden.

Ein guter Denkansatz! Noch nicht ausgereift, aber ein Anfang. Ich glaube, ich habe gerade den Grundstein für meine Masterarbeit gelegt. Muss mal mit Lisa sprechen – vielleicht können wir eine gemeinsame Idee für die Arbeit entwickeln.