Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus

Ich habe mich mit Lisa gestritten. Sie versteht einfach nicht, dass ich mich gerade nicht auf eine feste Sache einlassen will. Wenigstens hat sie jetzt verstanden, dass sie mir nicht mit diesem Peter zu kommen braucht. Trotzdem will sie für mich mich unbedingt die „Liebe meines Lebens“ finden. Etwas das „für immer hält“. Dabei verhält es sich mit Beziehungen wie mit der Erdumdrehung um die Sonne und das Auf und Ab im Jahreszeitenkarussell.

Jede Beziehung ist ein in sich geschlossener Zyklus, der mit dem Frühling beginnt, dann wird es stetig heller, lichter, schöner und irgendwann kühlt es ab, bis der Winter die einstige Liebe in Frost gepackt hat. Dabei ist der Frühling manchmal nur kurz, der Sommer verregnet oder sehr, sehr lang oder der Winter ist glücklicherweise mild.

Wenn man es genau betrachtet, ist es doch tatsächlich so: Erst erfolgt eine Annäherung. Das ist der Frühling, die Erde schiebt einen Teil ihrer Rundung näher und näher in Richtung Sonne. Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus. Die Natur, sie ist im Wachstum begriffen, so ist es mit dem Verliebtsein auch.

Dann kennt man sich immer besser, verliert Scheu und Scham voreinander und aus dem Verliebtsein wird Liebe. Das ist der Sommer. Die Erde hat einen Teil ihres Gesichts direkt zur Sonne gewandt und lächelt. Die Sonne strahlt zurück, man spürt die Nähe, das Glück. Man kann vertrauen, es ist genug Nahrung da und es gibt keinen Grund zur Sorge.

Scheu und Scham kommen wieder zurück, wenn man auseinandergeht. Das ist der Herbst. Da wird es zunehmend kühler, die Blätter der Liebe verfärben sich von rot und gelb zu braun und die einst so innige Zweisamkeit wird welk. Die Liebe fällt zu Boden, die Erde wendet die Augen von der Sonne ab.

Nach einer Trennung entfremdet man sich zunehmend. Das ist der Winter. Da ist die Erde am weitesten entfernt von der Sonne, die Köpfe, einst zugeneigt, blicken in verschiedene Richtungen. Die Liebe ist erstarrt, von einem Eismantel umgeben. Da fragt man sich: Wer war der Mensch, dem ich mein Herz geschenkt hatte? Oder die Liebe ist weich bedeckt, die Erinnerungen liegen unter Reif und Schnee. Dann mag man sich, ist vielleicht befreundet, aber die starke Verbindung ist schwächer geworden.

Die Jahreszeiten sind jedes Jahr anders. Kein Frühling der dem letzten Frühling gleicht, kein Sommer, der so wie der letzte Sommer ist, kein Herbst der gleich bunt, kein Winter der gleich kalt ist. Die Erde dreht sich nicht nur ein einziges Mal um die Sonne. Dieses elliptische aufeinander Zustreben und Auseinandergehen, das sich Annähern und wieder Entfernen, das ist es, warum ich nicht an die „einzig wahre Liebe“ glauben kann. Meine Beziehungen waren auch immer anders. Zum Glück. Sonst wäre mein Leben ziemlich monoton. Auch wenn Lisa das nicht glauben will.

Die Liebe lebt von Spannungen – wie Katz und Vogel