Betreff: Wie war das eigentlich in Berlin damals?

Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Betreff: Wie war das eigentlich in Berlin damals?
Datum: 13. November 2012 10:03:00 MESZ
An: Hans Gustav <hans-gustav@life-minutes.de>
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Hallo Papa,

wie war Berlin eigentlich damals, als Du hier angekommen bist? Vor 40 Jahren? Ich kann mir natürlich historische Dokumentationen dazu ansehen oder Bücher lesen, aber ich möchte gerne von Dir hören, wie es gewesen ist. Wie die Stadt in Deinen Augen ausgesehen hat. Wie es sich für Dich im Westteil und im Ostteil der Stadt angefühlt hat. Und welche Leute Du dies- und jenseits der Mauer getroffen hast und wie diese ihr Leben gemeistert haben.

Du sprichst ja so selten von damals. Was ich wirklich schade finde. Und was mich auch ein wenig verwundert. Als Theaterregisseur erzählst Du doch sonst immer Geschichten.* Aber wenn es um Deine eigene geht, bist Du ziemlich wortkarg. Dabei möchte ich noch nicht einmal im Detail wissen, wie es damals mit Dir und Mama gelaufen ist. Obwohl, eigentlich wüsste ich das schon gerne. Wie war das mit Mama? Wie war es mit Elisabeth? Wie hast Du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?**

Das sind jetzt natürlich noch ganz andere Fragen als die eingangs gestellten. Aber Du siehst schon: Ich weiß nicht viel von Dir als Du jünger gewesen bist. Den Hans Gustav heute kenne ich gut und ich finde, dass Du ein toller Papa bist. Gerade deswegen möchte ich den jungen Mann kennenlernen, der ein Jahr nach dem Bau der Mauer von Bern nach West-Berlin gegangen ist, um dort Theaterwissenschaften zu studieren. Ich möchte Deine Beweggründe verstehen, warum Du dann Anfang der 70er Jahre nach Ost-Berlin gegangen bist. Und ich möchte wissen, wie Du jahrelang in zwei Familien leben konntest.

Papa, wir werden jetzt wohl kaum über alles auf einmal sprechen können. Aber ich wollte schon mal vorfühlen, ob ich Dich ganz offen nach Deiner Geschichte fragen darf. Darf ich?

Ich umarme Dich!
Deine Tochter

* Ja ja, ich weiß schon. Du bezeichnest es lieber als Inszenierungen.
** Und ja, Deine Tochter studiert Psychologie, weil sie gerne viele Fragen stellt.