Betreff: Wann können wir uns zum Interview treffen?

Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Betreff: Wann können wir uns zum Interview treffen?
Datum: 20. November 2012 19:12:56 MESZ
An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
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Hallo Vincent,

ich habe mich gefreut, als Lisa mir erzählt hat, dass es Deinem Vater besser geht. Ich weiß ja genau wie es sich anfühlt. Als meine Mutter mir damals gesagt hat, dass sie an Krebs erkrankt ist, dachte ich, ich würde durchdrehen. Die Nachricht hat mich tief erschüttert. Ich habe damals die Hoffnung nicht aufgegeben. Leider hat meine Mutter am Ende den Kampf gegen den Krebs verloren.

Ich habe es damals als unglaubliche Ungerechtigkeit empfunden, als Elisabeth mit nur 55 Jahren gestorben ist. Und ich habe meinem Vater bittere Vorwürfe gemacht. Ich habe geglaubt, dass er Mitschuld an dem Tod meiner Mutter hat. Weil sie doch sehr gelitten hat, als Hans Gustav ihr von Marlene erzählt hat. Ich habe wirklich geglaubt, dass der Kummer den Krebs in sie gepflanzt hat.

Heute weiß ich es besser. Wir sind sterblich, aber der Abschied ist unfassbar schmerzlich, wenn der Mensch noch nicht so alt gewesen ist, wie wir es heutzutage erwarten. Deshalb brauchen wir immer einen fassbaren Grund, damit wir verstehen können, warum jemand so früh gestorben ist. Meistens ist der Grund ein anderer Mensch, der die Schuld an dem Tod des Verstorbenen auf sich nehmen muss. Deshalb habe ich meinen Vater damals angeklagt und für schuldig befunden und ich habe mehr als ein Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen.

Heute bin ich unendlich froh, dass ich meinen Vater noch habe. Ich habe verstanden, dass der nicht der Schuldige ist und ich habe mir meine unendliche Härte ihm gegenüber verziehen. Was bringt es, die wichtigsten Menschen aus seinem Leben zu verbannen, wenn sie doch leben und bei Dir sein können? Meine Mutter lebt in meinem Herzen weiter, und wenn ich mal nicht weiter weiß, spreche ich mit ihr in Gedanken und sie gibt mir einen guten Rat.

Jetzt habe ich viele Worte gemacht und es klingt fast so, als wollte ich Dir mein Beileid aussprechen. Dabei wollte ich Dir nur sagen, dass ich wirklich froh bin, dass Dein Papa wieder wohlauf ist. Aber das Thema berührt mich sehr, ich hoffe, Du verstehst das. Eigentlich wollte ich Dich fragen, wann wir uns für das Interview treffen? Deine Familiengeschichte passt hervorragend zum Thema – also zum Thema meiner Reportage über Grenzgänger. Diese Woche sieht gut bei mir aus, sag doch einfach Bescheid, wann es bei Dir am besten passt.

Lieber Gruß,
Emma