Betreff: Re: Ihre Annonce Chiffre #10062011

Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Betreff: Re: Ihre Annonce Chiffre #10062011
Datum: 30. November 2012 07:03:14 MESZ
An: Hans Gustav <hans-gustav@life-minutes.de>
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Verehrter Herr,

ich habe mich über Ihr Schreiben gefreut und trete gerne in Korrespondenz mit Ihnen. Ihre Offenheit hat mich positiv überrascht, war ich selbst doch recht zögerlich, was ich in der Annonce über mich schreiben sollte. Wie Sie selbst gelesen haben, war meine Selbstbeschreibung auf das Wesentliche reduziert, so dass ich Ihnen ergänzend hierzu noch ein paar Zeilen über mich heute schreiben will, die weit weniger faktisch daher kommen sollen.

Wie Sie bereits wissen, bin ich 71 Jahre alt und habe als Journalistin gearbeitet. Meine Liebe zu Sprache, meine Leidenschaft für das Schreiben und meine Neugier bringen es mit sich, dass auch ich sehr gerne lese. Dass Sie just in diesen Tagen den Büchern von Stasiuk den Vorzug geben, hat mich freudig überrascht – ich habe den Autor vor etwa vier Jahren für mich entdeckt und kann ihn mir seitdem nicht mehr aus meiner Bibliothek wegdenken. Auch bin ich bin eine große Freundin des Theaters und mag besonders die Inszenierungen von George Tabori, den Sie vielleicht sogar persönlich kennen. Allerdings will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es mir mit dem Theater wie Ihnen mit dem Besuch von klassischen Konzerten geht: Ich komme viel zu selten dazu.

Dass ich die Philharmonie häufiger mit einem Besuch beehre, liegt an einer musikliebenden Freundin von mir, die es sich nicht nehmen liess, mir ein Abonnement zu schenken. Da fühlt man sich schon verpflichtet. Nun, sollte sich unsere Korrespondenz in gleichem Maße weiterentwickeln, wie sie begonnen hat, dann bin ich zuversichtlich, dass wir einmal gemeinsam das Vergnügen haben werden, dem Theater oder der Musik den Vorzug zu geben.

Ich werde übrigens Ende Dezember für einige Zeit verreist sein. Um genau zu sein, ich werde für etwa sechs Wochen in Tel Aviv und Haifa sein. Jetzt werden Sie vielleicht denken: „Israel! In diesen Tagen!“ Und ich stimme Ihnen zu: Die Zeiten sind unsicher und ich bin nicht ganz ohne Angst dorthin zu fahren. Aber Israel ist für mich genauso Heimat wie es Berlin seit 20 Jahren wieder für mich ist. Ich kann meine Freunde und Verwandten dort nicht einfach alleine lassen. So würde es sich für mich zumindest anfühlen, wenn ich nicht fahren würde. Können Sie mich verstehen?

Ich freue mich auf Ihren nächsten Brief und wünsche Ihnen ein herrliches Wochenende,
herzlichst,
Ihre Gertrude