Warum machst Du eine Reportage über Grenzgänger, Emma?

Das hat mich GM gestern gefragt. Ich sei doch deutsch, meinte er, und wäre zwar im „Osten“ geboren worden (dabei hat er „Osten“ so ausgesprochen, als  müsste man sich zwangsläufig zwischen den Stühlen fühlen, wenn man in der DDR aufgewachsen ist), aber ich wüsste doch eigentlich gar nicht, wie das ist, seine Identität zu verlieren oder zwischen zwei Kulturen zu stehen. Ich habe ihm kurz und knapp geantwortet, dass das Thema Grenzgänger nicht so einfach zu umreißen ist und dass wir alle irgendwann einmal an unserer Grenze stehen. Dann stellt sich plötzlich die Frage: Soll ich rüber gehen oder nicht? Kann ich meine Grenze überhaupt passieren, schaffe ich das?

Was mich ärgert ist, dass GM nichts verstanden hat. Dabei habe ich ihm damals Idee und Konzept zu der Reportage in allen Einzelheiten dargestellt. Aber er steckt Ideen und Konzepte in Schubladen und drückt diese fest zu. Er hinterfragt nicht, er fixiert nur. Und beharrt dann auf der Richtigkeit seiner Sichtweisen. Ich habe von einem Menschen, der sich selbst als engagierter Journalist bezeichnet, mehr Reflexionsvermögen erwartet.

Ich bin auch eine Grenzgängerin, habe meine eigenen Grenzen mehr als einmal durchbrechen müssen, um die Emma zu sein, die ich heute bin. Und zwar nicht, weil ich im „Osten“ aufgewachsen bin. Das Thema ist in mir verwurzelt, seitdem ich 5 Jahre alt bin. Er hat nur wenige Minuten gebraucht, um meine Grenzen gewaltsam niederzureißen. An diesem Tag im Sommer habe ich meine Identität verloren und war seitdem grenzenlos unterwegs. Bis ich meinen Bruder getroffen habe, der mir mit seiner Geschichte näher gewesen ist, als je ein anderer Mensch.

Für die Reportage will meine eigene Biographie jedoch lieber aussparen. Es ist nicht gut, wenn sich die Dinge vermischen, ich verliere womöglich den Blick für das Wesentliche und verstricke mich in unglückliche Emotionen. Allerdings sollte ich vielleicht noch einen Interviewpartner finden, bei dem die Identitätssuche nicht unbedingt mit Kultur, Nationalität oder realer Flucht zu tun hat. Dann wird vielleicht deutlicher, wie tief dieses Thema geht. Und das wir mehr gesellschaftliche Projekte brauchen, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht.