Warum nur ist da diese Anziehungskraft?

Es war keine gute Idee von mir, mich heute mit  Josh auf dem Weihnachtsmarkt zu treffen. Die Flirterei an Lisas Geburtstagsessen war schon schlimm genug. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Er ist attraktiv, klar, und ich finde ihn leider echt sexy, auch wenn er 13 Jahre älter ist als ich. Aber er ist mit Emma zusammen. Verdammt. Ich hoffe so sehr, dass sie nichts gemerkt hat an diesem Abend.

Josh ist schon echt dreist. Er hat gleich zu Beginn des Abends mit seinen Augen ausgezogen, sich dann zum Essen neben mich gesetzt und mich in eine Diskussion über meine Masterabeit verstrickt. Warum muss er aber auch so unglaublich smart sein. Ich konnte einfach nicht widerstehen als er mich in das Zimmer von Lisas Vater gezogen hat unter dem Vorwand, dort könnten wir das Thema in Ruhe weiter diskutieren. Es ist ja nichts passiert auf der Couch, er hat mir nur ganz ernsthaft zugehört, und mich darin bekräftigt, meine Idee zur Masterarbeit zu machen. Da war dieses Flirren in der Luft, die ganze Zeit.

Warum versuchen alle eigentlich ständig sich einzureden, dass der Mensch ein monogames Wesen sei? Zeitweise mag das ja stimmen – aber ein Leben lang? Wenn es so wäre, dass die menschliche Natur das Bedürfnis hätte, mit nur einem anderen Menschen sexuell aktiv zu sein und das ein ganzes erwachsenes Leben lang – warum ist es dann so, dass die meisten Menschen mehrere Partner haben und oder so oft „fremd gehen“, obwohl sie eigentlich „in festen Händen sind“? Sowieso ist der Begriff „fremd gehen“ mehr als seltsam. Als würde man in die Ferne reisen. So ein Quatsch. Oder kein Quatsch? Guter Sex ist ja tatsächlich wie eine aufregende Reise in unbekanntes Terrain. Reisen bedeutet auch, verschiedene Orte entdecken zu können. Und beurteilen zu können, ob es woanders schöner ist oder eben nicht.

Ach, ich will es mir selbst nur schönreden. Auch wenn ich diese Sichtweise tatsächlich vertrete, so heißt das nicht, dass Emma genauso denkt. Hoffentlich hat Peter nichts gesagt. Dass ausgerechnet dieser dämliche Typ ins Zimmer kommen musste, das hat mir noch gefehlt. Trotzdem habe ich mich mit Josh getroffen. Wir haben nur eine Runde gedreht auf dem Weihnachtsmarkt, einen Glühwein getrunken. Es ist ja nichts weiter passiert, wir haben nur geredet. Aber er hat gesagt, dass er mich wieder sehen möchte. Ich muss die Finger davon lassen. Unbedingt.