Woher kommt der Begriff „Gastarbeiter“ eigentlich?

Das Interview mit Sevtap hat echt Spaß gemacht. Sie ist eine offene und kluge Gesprächspartnerin. Und hat mir neue Anregungen für meine Reportage gegeben. Besonders ihre Anmerkungen zu „Gastarbeitern“ ist mir im Gedächtnis geblieben

„Dieser Begriff ist übrigens total unsinnig: Ein Gast, der arbeitet? Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Deutschen ihre Gäste arbeiten lassen anstatt sie zu bewirten.“

In der Tat, diese Bezeichnung ist wirklich absolut unzutreffend. Und nicht nur das: „Gastarbeiter“ ist ein Begriff, der bereits im Dritten Reich für ausländische Zivilarbeiter verwendet wurde, die auf freiwilliger Basis in der NS-Kriegswirtschaft gegen Lohn tätig waren. Der Begriff stammt von den Nationalsozialisten. Umso erstaunlicher, dass er ohne weiteres Eingang in den späteren Sprachgebrauch gefunden hat.

Alternativ wird der neutralere Begriff „Arbeitsmigrant“ verwendet, was ich nicht besser finde. Das klingt nach Roboter oder Maschine, aber auf keinen Fall nach Mensch. Vielleicht ist es aber doch die treffendere Bezeichnung, weil er ganz nüchtern die Geschichte der Leute, die damals nach Deutschland gekommen sind, um die Arbeiten zu verrichten, die die Deutschen nicht mehr ausüben wollten, zusammenfasst. Das damalige Angebot der Industrie: Fließband- und Akkordarbeit zu geringeren Löhnen als die, die die deutschen Arbeiter verlangt hätten. Mittels „Anwerbeabkommen zur Erzielung von Erwerbseinkommen“ wurden vor allem Männer aus der Türkei, aus Griechenland, Italien und Spanien nach Deutschland gelockt. Selbstverständlich sollte das nur für einen befristeten Zeitraum sein. So hatte sich Politik und Wirtschaft das damals gedacht.

Mir erscheint es jedoch eher so, dass Politik und Wirtschaft nicht wirklich nachgedacht haben. Das eine ist: Man hole ungelernte, billige Arbeitskräfte, die im eigenen Staat fehlen, für „niedere Tätigkeiten“ ins Land und nennt sie liebevoll „Gastarbeiter“. Dass die „Gastarbeiter“ oder „Arbeitsmigranten“ 40 Jahre später immer noch da sind, wer hätte das wissen können? Deswegen wurde damals auch darauf verzichtet, Integration in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Der kulturelle Austausch wurde nicht nur nicht gefördert, er wurde komplett ignoriert. Was nun nachgeholt werden muss. Falls es überhaupt gewünscht ist. Ich habe da so meine Zweifel.