Bei der Wahl der Vornamen ging also Klang vor Schönheit?

Könnte man so sagen. Mein Vater wollte für uns unbedingt französische Vornamen. Meine Schwestern heißen Françoise, Geneviève und Hélène und mein älterer Bruder Thierry. Sicher, die Namen klingen schon französisch. Dabei haben sie sich allesamt aus Namen in anderen Sprachen entwickelt . { lacht }. Mein Name kommt zum Beispiel von dem lateinischen Vincentius und bedeutet „Der Siegreiche“. Thierry stammt von dem altfränkischen „thiuda“, was kurz und knapp für „Der Reiche und Mächtige im Volke“ steht. Hélène wiederum leitet sich von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Ἑλένη (Helénē) ab und bedeutet „die Sonnenhafte, die Strahlende, die Schöne“. Meine Schwester ist in der Tat sehr hübsch und hat auch schon drei Kinder.  { lacht }. Ob ich aber so siegreich bin, kann ich gar nicht sagen. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich bislang erreicht habe, aber „siegreich“ ist doch noch etwas anderes. Und mein Bruder ist weder reich noch mächtig, haha. Euh, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Wo war ich noch mal? { unterbricht sich }. Ach ja, die Namensherkunft. Was ich sagen will: Wir suchen unsere kulturelle Identität in unseren Namen, was ja auch naheliegend ist. Und dennoch zeigen uns gerade unsere Namen, dass unsere Kulturen sich  in einer ständigen Weiterentwicklung befinden und nicht so losgelöst voneinander existieren, wie einige Menschen das gerne glauben möchten. Heute sind wir Franzosen und Deutsche, morgen sind wir Europäer, gestern waren wir Gallier und Germanen und davor viele andere Völker.

Hat Dein Vater auch einen französischen Vornamen? 

Naja, ich habe ja schon erzählt, dass die Eltern meines Vaters aus Algerien nach Frankreich gegangen sind, als mein Vater 10 Jahre alt gewesen ist. Kaum angekommen, hat er ziemlich schnell einen großen Ehrgeiz entwickelt, besser französisch zu sprechen als seine Klassenkameraden. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur dann mit Respekt behandelt wird, wenn er besser als die anderen und vor allem akzentfrei spricht. Dann hat er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, eine Französin geheiratet und ihren Namen angenommen, was eher ungewöhnlich ist in Frankreich. Schließlich er  hat 5 französische Kinder gezeugt. { lacht }. Leider hat er nie Arabisch mit uns gesprochen, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber seinen arabischen Vornamen – er heißt Rabah – den konnte mein Vater nie ablegen. Ich glaube aber, dass er es getan hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Du klingst so, als ob Du froh darüber bist, dass er das nicht tun konnte?

Ja, ehrlich gesagt, bin ich sehr froh darüber. Mein Vater ist ein großartiger Mensch, aber ich habe nie verstanden, warum er seine algerischen Wurzeln so komplett „ausreissen“ wollte. Zum Glück musste er seinen schönen Vornamen behalten. Rabah heißt „Gewinner“. Allerdings mag ich die Bedeutung im Afghanischen lieber: Geschichtenerzähler. Mein Vater ist in der Tat ein großer Geschichtenerzähler, ich kenne niemanden, der so mitreißend erzählen kann wie er. Vielleicht ist das ja sogar eine Eigenschaft, die man dem arabischen Kulturkreis zuschreiben kann – Geschichten erzählen. Wie in „Tausend und eine Nacht“. { denkt nach }. Da passt der Name wieder zu dem Menschen. Ob er will oder nicht { lacht }.