Die Trennung

Das Fieber meiner Mutter ging zurück. Doch die gesundheitlichen Probleme waren mittlerweile einer viel größeren Sorge gewichen. Die Gestapo war aufmerksam geworden, der „Salon“ konnte nicht mehr als sicher gelten. An Flucht war nicht zu denken – ich war noch zu klein und meine Mutter zu geschwächt, um die Strapazen einer so anstrengenden Reise auf uns zu nehmen. Es musste ein neues Versteck gefunden werden. Aber wohin in einer Stadt, in der man den wenigsten Menschen trauen konnte, wo böse Zungen die Ohren spitzten, um Kollegen, Nachbarn, Freunde und sogar die eigenen Verwandten dem mörderischen Nazi-Regime auszuliefern?

Am Abend des 15. April 1941 kam der Mann der Krankenschwester zu uns in den Salon und nahm ein kleines Bündel von meiner Mutter entgegen. Meine Mutter weinte bitterlich, meine Vater war starr und kreidebleich. Der Mann legte vorsichtig seinen Mantel über das Bündel und trug es behutsam in die Nachbarwohnung. Das Bündel war ich. Es war das letzte Mal, dass meine Eltern mich gesehen haben.

Kurz nachdem die Nachbarn der alten Dame mich mitgenommen hatten, kam die Gestapo noch einmal in die Wohnung. Dieses mal stellten sie nicht nur Fragen, sondern durchsuchten die gesamte Wohnung gründlich. Schließlich haben sie den schweren Schrank zur Seite geschoben (daran, dass es eine Tür in der Rückwand des Schrankes geben könnte, haben sie nicht gedacht) und meine Eltern in dem geheimen Zimmer gefunden. Meine Mutter und mein Vater wurden von der Gestapo mitgenommen und ohne Umwege in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Die alte Dame ist an diesem 20. April 1941 spurlos verschwunden. Kein Mensch konnte sagen, wohin die Männer sie gebracht haben.

Nachdem ich von meinen Eltern getrennt wurde, habe ich für eine sehr lange Zeit keinen Laut mehr von mir gegeben. Katharina, die Krankenschwester, erzählte mir später, dass ich noch nicht mal gewimmert hätte. Sie fütterte mich mit Milch, die sie mit Wasser verdünnen musste, weil es nicht genug davon gab, um mich und die leibliche Tochter der Familie zu ernähren. Paula, die Tochter, war damals drei Jahre alt und brauchte die Milch genauso wie ich.  Ich war etwas untergewichtig, aber ansonsten gesund. Und ich war in Sicherheit, meine Eltern aber dem Tod geweiht.