Die Adoption

Eigentlich war es gut, dass ich durch die gewaltsame Trennung von meinen Eltern stumm geworden war. Denn Katharina und ihr Mann Roland mussten mich verstecken, niemand durfte wissen, dass es mich gab. Deshalb mussten sie auch genau aufpassen, dass die rationierte Milch ausreichte. Hätten sie mehr Milch besorgen wollen, die Leute hätten sofort Verdacht geschöpft.

Damals, 1941, gab es viele dieser „Leute“. Diese „Leute“ waren Auge, Ohr und Stimme der Nationalsozialisten. Sie waren schwer zu erkennen, weil sie nicht wie die Gestapo oder die SS-Offiziere an ihrer Uniform erkannt werden konnten. Diese „Leute“ konnten der nette Gemischtwarenhändler vom Laden an der Ecke sein, der lustige Nachbar aus dem dritten Stock im Vorderhaus oder die freundliche Lehrerin des eigenen Sohnes. Es waren dieselben Leute, die nach dem Ende der Nazi-Herrschaft behauptet haben, sie hätten von all dem nichts gewusst: Von den Deportationen genauso wenig wie von den Konzentrationslagern. Dass immer mehr Menschen wie vom Erdboden verschluckt waren, das wollen diese „Leute“ nicht bemerkt haben – sogar dann nicht, wenn sie zuvor selbst Anzeige gegen diesen oder jene der Verschwundenen erstattet hatten.

Katharina und Roland mussten also schnell eine Lösung finden. Sie konnten mich nicht ewig versteckt halten und meine Eltern waren verhaftet und deportiert worden. Andere Verwandte von mir gab es in Berlin schon lange nicht mehr. Die Milch wurde zusehends knapper, auch fehlte es an Windeln für mich. Als die Lage sich weiter zuspitzte, sah Roland nur noch einen Ausweg: Sie mussten mich offiziell  zu ihrem Kind machen.

Roland kannte den Blockleiter des Viertels, in dem die Familie wohnte. Roland hatte ihn zu Schulzeiten vor dem Ertrinken gerettet, als der Blockleiter, damals ein Rotzbengel, beim Schlittschuhlaufen auf einem Spree-Kanal eingebrochen war. Der Blockleiter konnte also gar nicht anders, als Katharina und Roland zu helfen. Und tatsächlich: Der Blockleiter besorgte eine Geburtsurkunde für mich. Aus Rebekka wurde Gertrude.