Das stumme Kind

Ich war gerettet. Mein jüdischer Name war durch einen deutschen ersetzt worden, meine Eltern waren jetzt Katharina und Roland. Ich war ein arisches Kind. Die Wurzeln meiner Vergangenheit, sie waren abgeschnitten worden. Aber ich wußte von nichts, ich war ja erst ein paar Monate alt.

Ich blieb weiterhin stumm. An meinem ersten Geburtstag konnte ich bereits laufen und erkundete die enge Welt der Wohnung, in der ich nun lebte, selbst. Ich erschreckte meine Zweitmutter manches Mal, wenn ich zu ihr in die Küche geschlichen kam und still meine Arme um ihre Knie von hinten schlang. Meine Schwester Paula hingegen versuchte mich mit allen Tricks dazu zu bewegen, irgendein Geräusch von mir zu geben.

Paula zwickte und kitzelte, biss und kratzte mich. Ich ertrug alles in stillem Leid, kein Lachen perlte aus meinem Mund, nicht mal ein Seufzer oder ein Stöhnen drangen aus mir. Wir schliefen in einem Zimmer und eines Nachts schüttete sie mir sogar einen Becher mit kaltem Wasser über den Kopf, als ich schlief. Ich wachte auf und schlug um mich, die Augen vor Schreck ganz groß. Aber ich schrie nicht.

Natürlich machten meine Zweiteltern sich Sorgen. Aber sie wollten mit mir nicht zum Arzt gehen. Zu groß war die Angst, dass der Betrug auffliegen würde. Ich war ja offiziell ihr Kind. Daran durfte kein Zweifel aufkommen und bei einer eingehenden Untersuchung hätte ein Arzt herausfinden können, dass ich nicht die Tochter von Katharina und Roland sein konnte. Auch wären Fragen nach dem Zeitpunkt und dem möglichen Grund meiner Verstummung sehr heikel gewesen. Also konnten meine Zweiteltern nichts tun. Sie versuchten ihr bestes mich zu locken, damit ich endlich einen Laut von mir gäbe. Katharina legte ihr Auge auf meine Wange und blinzelte. Sie küsste mich herzlich auf meinen Bauch und schmatzte lustig dazu. Es half alles nichts. Ich lachte nicht, ich war ernst und sprachlos. Die beiden wussten, dass ich nicht taub war. Denn ich schaute Katharina, Roland und Paula immer in die Augen, wenn sie mich ansprachen und drehte meinen Kopf in die Richtung, aus der die Musik im Radio erklang.

Am 16. Januar 1943 begannen die ersten schweren Luftangriffe der Alliierten auf Berlin. Sie dauerten gut 6 Wochen an. Dann folgten in immer kürzeren Abständen weitere Bombardierungen aus der Luft. In meinem dritten Lebensjahr lernte ich eine neue Welt kennen – die Welt der Luftschutzkeller.