Im Keller

Keller sind dunkel, oft riechen sie modrig und es ist feucht und kühl. In Kellern sind die großen schwarzen Jagdspinnen zu Hause, Kakerlaken und Ratten leben in den Gängen. Keller lösen bei vielen Menschen ein Gefühl der Beklemmung aus. Es ist eng, kaum dringt Tageslicht in die Räume, auf denen ein Haus ruht.

Ich mag Keller, sie schrecken mich nicht, ich fühle mich dort sogar geborgen. Die unterirdischen Räume haben uns vor den Bomben der Alliierten geschützt. Vielleicht war es mein Glück, dass ich so klein war, als der Krieg die Luft über Berlin beherrschte. Denn für mich war es jedes Mal ein neues Abenteuer, wenn die schrecklichen Sirenen ertönten und wir uns in die Keller in unserer Straße flüchteten. Dicht zusammengedrängt saßen Katharina, Roland, Paula, ich und die anderen aus der umliegenden Nachbarschaft im Dämmerlicht der Kellerräume. Die Luft war warm und dick, es roch nach süßem Schweiß, salzigen Tränen und saurem Atem. Die Detonationen hallten fern und dumpf, aber sie waren zu weit weg von mir, als dass sie für mich eine Bedrohung darstellten.

Paula und ich teilten die Furcht der anderen Menschen nicht. Wir schlüpften leise zwischen den verängstigten Menschen hindurch und spielten verstecken. Am Abend des 27. Januar 1944, es gab einen besonders fürchterlichen Bombenhagel über der Stadt, war ich unter ein altes Sofa in einem der kleineren Kellerräume gekrochen und wartete darauf, dass Paula mich dort fand. Ich betrachtete die Füße der Menschen um mich herum, viele hatten heruntergelaufenen Hacken, manche sogar Löcher in den Schuhen. Da erblickte ich die Füße eines anderen Kindes, dass ungefähr drei Jahre alt sein mochte – die Füße jedenfalls waren so klein oder so groß wie meine und ich war ja fast drei Jahre alt. Allerdings trug das Kind nur Lumpen um die Füße gewickelt – es hatte keine Socken oder Schuhe an. Ich kroch unter dem Sofa hervor und zog meine eigenen Schuhe und die Wollsocken aus. Ich hielt dem Jungen, der ein schmutziges Gesicht und verstrubbelte Haare hatte und noch magerer als ich war, stumm meine Socken hin – ich sprach ja noch immer nicht. Da fing der Junge an über das ganze Gesicht zu strahlen, er konnte wohl kaum glauben, dass ich ihm meine Socken geben wollte.

Seine Mutter freute sich ebenfalls sehr, sie zog ihrem Kind die Socken sogleich an, strich mir mit Tränen in den Augen über meinen Kopf und bedankte sich. Dann sagte sie etwas sehr Schreckliches. Sie sagte: „Wenn unser Führer uns endlich zum Sieg über diese Bastarde geführt hat, dann werden wir nicht mehr wie Tiere in den Kellern zusammengepfercht sitzen müssen. Und die jüdischen Ratten, die uns jahrelang alles weggefressen haben, sie werden alle ersäuft sein.“