Der Schrei

Drei Tage nach meinem Geburtstag, am 26. Februar 1945, gab es einen der verheerendsten Luftangriffe auf Berlin. 1.184 US-amerikanische Flugzeuge haben an diesem Tag 1628,7 Tonnen Sprengbomben und 1258 Tonnen Brandbomben über der Stadt abgeworfen. Als die Sirenen losheulten, packte Katharina mich und Paula und rannte mit uns über die Straße zu einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Katharina sagte uns, dass der Keller des Hauses besonders sicher sei. Roland war zur Zeit des Angriffs nicht bei uns, er war unterwegs, um Lebensmittel zu besorgen.

Roland war nicht zum Kriegsdienst eingezogen worden, weil er nur ein Bein hatte. Als Schüler war Roland immer sehr sportlich gewesen, groß und kräftig. Er hatte ja auch den jetzigen Blockleiter vor dem Ertrinken gerettet, indem er ihn alleine und Kraft seiner Armmuskeln aus dem Loch im Eis gezogen hatte. Roland und seine Freunde machten sich oft einen Spaß daraus, von der fahrenden Tram und wieder zurück zu springen. Damals fuhren die Straßenbahnen noch ohne Türen. Die Jungens versuchten immer möglichst knapp neben der Bahn nahe den Gleisen zu landen. An einem Tag im Juni war Roland besonders übermütig und sprang sehr nah an die Gleise heran. Er rutschte zur Seite weg und konnte sich nicht mehr an der Tram hochziehen. Sein Bein geriet unter eines der hinteren Räder der Bahn.

Halb ohnmächtig vor Schmerz wurde Roland ins Krankenhaus gebracht. Sein Bein war unterhalb des Knies abgetrennt und die Wunde musste sofort versorgt werden. Als Roland nach der Operation aufwachte, stand eine junge Schwesternschülerin neben seinem Bett und gab ihm etwas zu trinken. Obwohl Roland noch sehr benommen war und gerade sein Bein unwiederbringlich verloren hatte, hatte er nichts von seinem Charme eingebüßt. Die junge Frau besuchte den gut aussehenden Patienten häufiger als es ihr Dienst erfordert hätte und nachdem Roland aus dem Krankenhaus entlassen worden war, lud er auf einen Kaffee ein. Seit dieser Zeit waren Roland und Katharina ein Paar.

An diesem Tag im Februar 1945 saßen Paula und ich eng an Katharina gedrückt in dem halbdunklen Keller. Dieses Mal war uns nicht nach Spielen zu Mute, es war ein düsterer Tag und wir konnten die Einschläge der Bomben sehr deutlich hören und spüren. Plötzlich gab es eine Detonation, die so laut war, als wäre die Bombe direkt neben uns eingeschlagen. Die Wände des Kellers bebten, Sand rieselte von der Decke und Staub verklebte unsere Augen, Haare und Nasenlöcher. Ich schrie. Ich schrie so laut ich nur konnte. Es war der erste Laut meines Lebens. An diesem Tag war ich 4 Jahre und 3 Tage alt.