Kriegsende

So stumm ich gewesen war, nun sprudelte es aus mir heraus. Ich konnte sehr wohl sprechen und artikulierte jeden Satz klar und deutlich. Ich stellte unglaublich viele Fragen zu jedem und allem. Kein Wunder, ich hatte viel aufzuholen und meine Neugier wollte gestillt werden. Bevor ich gesprochen hatte, musste ich mir die Welt mehr oder weniger durch meine Beobachtungen und passives Zuhören selbst erklären. Jetzt war meine Zunge endlich gelöst und und mein Mund plapperte unentwegt, außer wenn ich schlief.

Roland und Katharina waren erleichtert. Dass ich endlich sprach, machte in diesen schweren Zeiten einiges einfacher für sie. Vor allem aber Paula war begeistert. Endlich reagierte ich verbal, wenn sie mich etwas fragte. Von da an waren wir unzertrennlich. Wir waren Schwestern und jetzt auch Freundinnen.

Paula und ich nahmen jede Gelegenheit wahr, um der brutalen Wirklichkeit zu entfliehen. Stundenlang saßen wir in der kleinen Kammer neben der Küche und träumten uns in andere Welten, in denen es kein Krieg, keine Bomben, keine Toten und keinen Hunger gab. Ich lebte im Reich der blauen Schwäne, Paula war Prinzessin im Land der roten Katzen. Wir besuchten uns gegenseitig in unseren Schlössern oder spielten den ganzen Tag in unseren riesigen, sonnendurchfluteten Gärten. Aber wenn die Sirenen losheulten, wurden wir jäh aus unserem Spiel gerissen. Dann mussten wir wieder schnell in die Keller der Stadt flüchten.

Der Krieg wütete um uns herum, er wurde immer schrecklicher. Der Tod war der einzige Gewinner in diesen Wochen. Dieser Krieg war tatsächlich zu dem Monster geworden, welches Joseph Goebbels in seiner Propagandarede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943  heraufbeschworen hatte: „Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Adolf Hitler begeht am 30. April 1945 Selbstmord. Kurz darauf, in den frühen Morgenstunden des 7. Mai, unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl im Namen deutschen Oberkommandos die Kapitulationserklärung in Reims. Am darauffolgenden Tag unterschreibt Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die bedingungslose Kapitulation zum wiederholten Male in Berlin Berlin-Karlshorst. Um 15:00 Uhr erklingen in Frankreich die Glocken aller Kirchen um zu verkünden: „Der Krieg ist vorbei.“

Ja, der Krieg war vorbei.