Schwarzmarkt

Mit dem Ende des Krieges wurde nicht alles schlagartig besser. Es gab nun zwar keine Luftangriffe und Bombardements mehr, aber es herrschte Not und Elend in Berlin, in Deutschland, in ganz Europa.

Die Lebensmittel waren knapp, wir hatten ständig Hunger und liefen mager und bleich durch die in Trümmern liegende Stadt. Etwa 4 Millionen Häuser in Deutschland lagen in Schutt und Asche, viele Menschen hatten im wahrsten Sinne des Wortes Ihr Dach über dem Kopf verloren. Flüchtlingsströme zogen sich wie vom Tauwetter anschwellende Flüsse durch das Land, Abertausende Menschen wurden vermisst. Es herrschte ein Chaos in dem jeder versuchte, sein eigenes Überleben zu sichern.

Auch Roland und Katharina taten alles dafür, dass Paula und ich nicht verhungerten. Katharina war wie viele andere Frauen im Alter zwischen 15 und 50 Jahren von den alliierten Besatzungsmächten zur Beseitigung der Trümmer „abkommandiert“ worden. Die Trümmerfrauen waren dazu bestimmt, die Innenstädte von den Überresten der zerbombten Gebäude zu räumen. Katharina stand täglich und bei jedem Wetter mehrere Stunden auf den Straßen Berlins und sammelt Stein um Stein auf. Gegen Abend ging sie dann noch ihrer Arbeit als Krankenschwester nach – es gab zu viele Verletzte und Kranke, die ihre Hilfe brauchten.

Roland handelte auf dem Schwarzmarkt und sorgte so dafür, dass wir auch in den schlimmsten Zeiten gerade genug zu essen hatte. Er tauschte Zigaretten gegen Kartoffeln, Schokolade gegen Brot. Woher er die wertvolle Handelsgut hatte, blieb sein Geheimnis. Katharina wusste nur, dass er auf irgendwelchen verschlungenen Wegen Kontakte zu amerikanischen Soldaten geknüpft hatte. Sie vermutete, dass die Soldaten die begehrten Rauch- und Süßwaren lieferten. Allerdings war ihr völlig unklar, was Roland den Männern im Gegenzug dafür anbieten konnte. Er hat tatsächlich bis zu seinem Tod nicht darüber gesprochen.

Roland war gelernter Kaufmann und Buchhalter mit einem ausgeprägten Sinn für gute Geschäfte. Nach seiner Ausbildung arbeitete er für einen kleinen Betrieb in Berlin, der Waren aus Papier produzierte. Er selbst musste ja zum Glück nicht als Soldat an die Front, da er er als Invalide mit nur einem Bein als untauglich galt. Nach dem Krieg blieb er weiterhin in dem Betrieb, half diesen auszubauen und wurde später dann zum stellvertretenden Geschäftsführer ernannt. Der Betrieb belieferte zum Schluss sämtliche Schreibwarenläden im Westteil Berlins.

Während Roland also auf dem Schwarzmarkt seinen Tauschgeschäften nachging und Katharina Trümmer wegschaffte, waren Paula und ich auf uns alleine gestellt. Paula ging schon zur Schule, der Unterricht fand in den ersten Monaten nach Kriegsende aber nicht immer regelmäßig statt, da das Schulhaus zerbombt worden war. Ich blieb vormittags bei einer älteren Frau, die im Haus gegenüber wohnte. Die meiste Zeit beschäftigte ich mit mir selbst, weil die Frau fast taub war und mich eigentlich nur beaufsichtigte, weil Roland ihr Kartoffeln und Brot dafür gab. Dann kam der Dezember.