Weihnachten 1945

Es war mein erstes Weihnachtsfest ohne Krieg. Berlin war im Frost erstarrt. Der Himmel war grau, schickte aber keinen Schnee, der die dunkeln Ruinen der zerbombten Häuser sanft bedeckt hätte. Rauch stieg aus den Trümmern, in denen Menschen hausten. Glücklich schätzte sich, wer ein Dach über dem Kopf hatte und Holz, Kohle oder wenigstens einen Fetzen Papier zum Heizen fand.

Wir waren eine dieser glücklichen Menschen. Unsere Wohnung gab es noch, wir waren nur etwas näher zusammengerückt, da eine Freundin von Katharina mit ihrer 12 Jahre alten Tochter bei uns unter gekommen war. Die beiden hatten alles verloren, der Vater war im Krieg gefallen, die Wohnung ausgebrannt. Jetzt lebten sie bei uns und wir teilten uns zu sechst drei Zimmer und Küche mit Dusche. Ein eigenes WC hatten wir nicht, die Toilette befand sich auf der Zwischentage im Treppenhaus. Marina und ihre Tochter Brigitte bewohnten das kleine Zimmer, Paula und ich schliefen im Balkonzimmer (und spielten in der Küchenkammer), während Katharina und Roland sich die Wohnstube teilten.

Dennoch war es nicht eng in unserer Wohnung, weil alle zusammen nur nachts zum Schlafen da waren. Tagsüber und bis in die späten Abendstunden gab es genug für alle zu tun. Es war sogar selten, dass wir uns abends alle gemeinsam in der Küche zum Abendessen trafen. Am Abend des 24. Dezember gab es einen dieser seltenen und schönen Momente.

Roland, Katharina und Marina waren den ganzen Tag unterwegs gewesen, wir Mädchen blieben zu hause und putzten die Wohnung. Katharina hatte gesagt, sie wolle wenigstens an Weihnachten eine „blitzblanke Bude“ haben – das wäre das schönste Geschenk für sie. Also feudelten und wischten wir, was das Zeug hielt. Gegen 5 Uhr kamen unsere Eltern und Marina zurück. Wir Mädchen wurden sofort in das Kinderschlafzimmer geschickt. Wir saßen im Dämmerlicht und Brigitte erzählte Paula und mir Märchen, damit uns die Wartezeit nicht so lang erschien. Um etwa halb 7 klopfte Roland an unsere Tür.

Als wir in die Stube von Roland und Katharina traten, glaubten wir unseren Augen nicht zu trauen. Kerzen erhellten den Raum und auf dem Tisch stand ein Topf mit dampfender Suppe. Dann lagen da noch 6 Würstchen auf einem Teller, ein Stück Brot und ein kleiner Kuchen daneben. Als wir uns staunend zu Katharina, Roland und Marina umdrehten, hatte jeder ein kleines Päckchen in der Hand. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich rundum glücklich fühlte. Normalität war etwas ganz Besonderes, das wusste ich nun.