Bücherwürmer

Ich hatte zu Weihnachten das erste und vielleicht schönste Geschenk meines Lebens bekommen. Roland hatte auf dem Schwarzmarkt ein Kinderliederbuch mit vielen bunten Bildern erstanden. Ich liebte dieses Buch heiß und innig. Noch heute liegt es in der Schublade meines Schreibtisches.

Ich las das Buch von vorne nach hinten und erfand meine eigenen Geschichten zu den Bildern, die inhaltlich nicht unbedingt mit den Liedern zu tun hatten. Besonders viel Spaß machte es mir, wenn ich Paula und Brigitte diese Geschichten erzählte, dabei einzelne Passagen sang und die beiden im Chor mit einstimmten.

Auch Paula hatte ein Buch bekommen, in dem gab es allerdings weniger Bilder und mehr zu lesen. Trotzdem tauschten Paula und ich unsere Bücher manchmal, wenn wir in unserer „Höhle“ saßen. Paula pfiff dann die Melodien zu den Liedern in meinem Buch. Anfangs wollte sie mir aus ihrem Buch vorlesen, ich wollte das aber ganz und gar nicht. Sogar als sie mir nur den Titel des Buches nannte, hielt ich mir die Ohren zu und sang lauthals. Ich hatte den Ehrgeiz ganz allein herauszufinden, wie das Buch hieß und was das für eine Geschichte sei. Ich wollte selbst lesen. Ich formte Buchstaben und Worte mit dem Finger in der Luft nach. Das einzige, was Paula mir sagen durfte und auch nur, wenn ich danach fragte, war, um welchen Buchstaben es sich handelte.

Nach kurzer Zeit hatte ich den Titel des Buches selbst entziffert und nur ein paar Wochen später las ich Paula das erste Kapitel vor – langsam zwar, aber flüssig. Es war Erich Kästners „Pünktchen und Anton“, das mich so gefesselt hatte.

Mit 5 Jahren konnte ich also lesen. Katharina und Roland entschlossen sich anders als damals üblich, mich schon mit 5 Jahren und ein paar Monaten in die Schule zu geben. Im Sommer 1946 wurde ich eingeschult. An meinem ersten Schultag konnte ich nicht nur lesen, ich konnte auch schon schreiben.