Starke Mädchen

Ich war früher als die anderen Kinder eingeschult worden und hatte trotzdem noch eine Klasse übersprungen. Paula war jetzt nur noch eine Klasse über mir und wir hatten viele gemeinsame Freunde. Ich war immer die jüngste, aber ich fühlte mich wohl in der Gesellschaft von älteren Kindern und wurde von ihnen voll akzeptiert.

1949 adoptierten Katharina und Roland mich offiziell. Es war ein langer Kampf mit den Behörden gewesen, da ich in den Büchern ja als ihr leibliches Kind eingetragen war. Sie mussten nachweisen, dass meine Eltern Juden gewesen waren, die von den Nationalsozialisten nach Buchenwald deportiert und in Auschwitz-Birkenau umgebracht worden waren. Es war ein schwieriges Unterfangen. Katharina und Roland wussten kaum etwas über meine Eltern, ich selbst gar nichts, war ich doch noch Säugling gewesen, als ich von meinen Eltern getrennt wurde. Ich hatte auch keine Angehörigen in Berlin oder Deutschland mehr. Meine Verwandten waren entweder von den Nazis ermordet worden oder aber sie waren geflohen – nach Israel oder Amerika, wer wusste das schon?

Die Behörden unterstützten Katharina und Roland bei der Suche nicht. Kein Wunder – hier saßen immer noch viele Beamte, die damals den Nationalsozialisten zugearbeitet hatten. Sie wollten natürlich nicht daran erinnert werden, dass auch sie Teil eines Regimes gewesen waren, das Millionen von Menschen in Konzentrationslagern in den Tod geschickt hat. Viele dieser Schreibtischtäter waren sogar direkt mitverantwortlich für die Massendeportationen. Einige entschuldigten sich, sie hätten von alldem nichts gewusst. Andere antworteten ausweichend, man solle doch die „alten Geschichten“ nicht mehr aufwärmen. Und dann gab es noch diejenigen, die gar nichts sagten, die sich aber aber Katharina und Roland gegenüber sehr feindselig verhielten.

Katharina und Roland blieben hartnäckig. Vier Jahre nach Kriegsende hielten sie endlich eine offizielle Adoptionsurkunde in den Händen. Ich hatte meine Identität wieder, aber ich hieß weiterhin Gertrude. Ich hatte mich an den Namen, der mich gerettet hatte, gewöhnt. Rebekka wurde mein Zweitname, weil ich diesen Namen unbedingt wieder tragen wollte.

Zur Feier meiner Adoption schenkten mir meine Zweiteltern ein Buch. „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren wurde sofort mein neues Lieblingsbuch. Pippi war stark, mutig und ohne Furcht. Vor allem imponierte mir, dass Pippi so freimütig mit den Leuten redete und ihr Herz auf der Zunge trug. Ich wäre auch gerne so gewesen, vor allem an dem Tag, als ich in einen Streit mit einem Schulkameraden geriet. Der Junge wurde immer wütender, weil ich mich nicht aus der Ruhe bringen ließ und ihm seine Dummheit vorführte. Mit puterrotem Kopf schrie er mich schließlich an: „Hätten sie Dich damals bloß vergast.“ Ich wurde kreidebleich, Tränen schossen mir in die Augen. Ich sagte nichts mehr, schluckte und ging einfach weg. In diesem Moment wäre ich gerne Pippi Langstrumpf gewesen – dann hätte ich dem Jungen auf den nächsten Baum gesetzt.

Ich wollte so sein wie Pippi: stark, mutig, furchtlos