Der Suizid

Katharina und Roland sind immer sehr offen damit umgegangen, dass ich nicht ihre leibliche Tochter bin. Sie wollten mich nicht belügen oder etwa meine Vergangenheit verschleiern. So behutsam wie möglich führten sie mich Stück für Stück zurück zu den Geschehnissen, die sich kurz nach meiner Geburt ereigneten. Nichts lag ihnen ferner, als mich zu verletzen, denn sie liebten mich genauso wie ihren eigenen Töchter Paula und Isabel.

Besonders Katharina macht es schwer zu schaffen, dass sie selbst so wenig über meine Eltern wusste und mir kaum etwas erzählen konnten. Auch gab es keine Fotos, Briefe oder andere Erinnersstücke. Bevor meine Eltern sich bei der alten Dame, die damals die Nachbarin von Katharina und Roland war, versteckten, hatten sie in einem anderen Stadtteil von Berlin gelebt. Nachdem meine Eltern von der Gestapo abgeholt worden waren, konnten Katharina und Roland keine weiteren Erkundungen über sie einholen, denn sie wollten mich schützen und gaben mich als ihre Tochter aus. Aber auch nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft war es schwierig, mehr über meine Eltern und weitere Verwandte von mir zu erfahren. Es war allerdings nicht nur das eiserne Schweigen und die aktive Vertuschung der ehemaligen Nazi-Schergen, was die beiden an ihrer Recherche über meine Vergangenheit hinderte. Der Krieg hatte Chaos hinterlassen.

Die ganze Wahrheit aufzuarbeiten bedeutete, sich auf eine gefährliche Suche zu begeben und akribisch an einem Puzzle zu werkeln, dessen Teile winzig und weit verstreut waren. Trotzdem gab einige Menschen, die sich schon kurze Zeit nach dem Krieg dieser Sisyphos-Aufgabe widmeten. Einer von denen, die Licht ins Dunkel bringen wollten, war Philipp Auerbach.

Auerbach war Jude, hatte Buchenwald und Auschwitz überlebt und forderte laut und deutlich eine Wiedergutmachung für die Opfer des Nazi-Regimes. Bereits im Mai 1947 stand er als Schirmherr der ersten Gedenkveranstaltung für das KZ Dachau vor. In dem Lager waren mehr als 40.000 Gefangene ums Leben gekommen. Zudem trat er nachdrücklich für die juristische Verfolgung ehemaliger Nazis ein. Seine Unnachgiebigkeit und seine Präsenz in politischen Kreisen im Nachkriegsdeutschland (er war zuletzt als bayerischer Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte und als Präsident des Landesentschädigungsamtes in München tätig) brachten ihm viele Feinde ein.

Schließlich stellte der damalige CSU-Gründer und bayerische Justizminister Josef Müller auf eigene Faust einen Staatsanwalt ab, der ein Verfahren gegen Auerbach einleiten sollte. Auerbach wurde am 10. März 1951 verhaftet und musste 13 Monate in Untersuchungshaft verbringen, bevor ihm im April 1952 wegen verschiedener Vergehen der Prozess gemacht wurde. Am schwerwiegendsten lautete wohl der Anklagepunkt „angebliche Veruntreuung von Entschädigungsgeldern“, von dem Auerbach zwar freigesprochen wurde, wegen dem ihm aber die offene Feindseligkeit deutscher Bürger monatelang entgegengeschlagen war. In zahlreichen Briefen wurde Auerbach mit antisemitischen Hetzparolen angegangen. Mit dem Ende des Nazi-Regimes hatte der tief verwurzelte Hass auf Juden nicht aufgehört. Am 14. August 1952 wurde Auerbach aufgrund anderer Anklagepunkte verurteilt, zwei Tage später nahm sich Philipp Auerbach mit 45 Jahren das Leben. Er war ein gebrochener Mann und hatte den Kampf gegen den Nationalsozialismus letzten Endes doch verloren.