Der Brief

Ich war gerade 15 Jahre alt geworden, als an einem sonnigen Frühlingstag im März ein Brief, der an mich adressiert war, ins Haus flatterte. Ein Blick auf die Briefmarke genügte und ich wusste sofort, dass dieser Brief mein Leben verändern wird.

Die Cousine meines Vaters hatte ihn geschrieben. Sie hatte sich vor dem Nationalsozialistischen Terror retten können und war mit ihren Eltern noch rechtzeitig nach Israel geflüchtet. Sie hatte Deutschland bereits kurz nach der Reichsprogromnacht verlassen. Der Anblick brennender Synagogen und der gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden hatte ihre Eltern dermaßen verschreckt, dass sie Hals über Kopf ihre Flucht organisierten und dabei ihr ganzes Hab und Gut zurückließen. Was bedeutet schon Eigentum, wenn man um sein Leben fürchtet?

Mit zitternden Händen löste ich vorsichtig die Gummierung vom dem Umschlag, ich wollte den Brief auf keinen Fall aufreißen – zu groß erschien mir das Risiko, ich könnte den Brief und damit den Inhalt zerstören. Ich hatte Katharina, Roland und Paula darum gebeten, den Brief alleine lesen zu dürfen. Nun saß ich da, das dünne, handbeschriebene Papier in den Händen haltend, und weinte. In dem Umschlag befand sich nicht nur ein Brief von meiner Cousine. Es lag auch ein Brief von meiner Mutter an mich anbei. Sie hatte diesen in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft verfasst und es tatsächlich noch geschafft, diesen Brief aus dem Land zu schmuggeln und nach Israel zu senden. Es dauerte eine ganze Weile bis mein Tränenschleier sich lichtete und ich den Brief meiner Mutter lesen konnte.

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Mein geliebtes Kind,

winzig bist Du, bist noch nicht geboren und machst Dich nur durch die sanfte Rundung meines Bauches bemerkbar. Und doch liebe ich Dich mehr als andere auf dieser Welt. Dich in mir zu fühlen, wenn ich morgens erwache, Dich zu spüren, wenn ich meine Hand auf meinen Bauch lege – es gibt nicht Schöneres auf der Welt.

Wenn nur meine Sorgen nicht so groß wären. Es sind schlimme Zeiten, die Du erleben wirst müssen. So hoffe ich inbrünstig Dich wenigstens beschützen zu können, auch wenn ich Dir all die Grausamkeit, die Menschen hier einander antun, nicht verheimlichen werde können. Aber wer weiß? Vielleicht hat all das Böse bald ein Ende und Du wächst in Freiheit und Frieden auf. Dein Vater, dieser gute Mensch, glaubt noch daran. Er spricht mir von sonnigeren Zeiten. „Kätzchen,“ sagt er dann, „Kätzchen, wart’s ab. Du, ich und das Murmelchen werden glücklich und frei als Familie hier leben. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist das Schicksal der Nazis besiegelt.“

Ach, mein Murmelchen, ich wünschte es wäre so, wie Dein Vater sagt. Ja, ich glaube jeden Tag ganz fest daran. Selbst wenn es ganz schlimm ist, sage ich mir noch: „Kopf hoch, Mädchen, das kann nur besser werden – schlimmer geht es nimmer.“ Und dann denke ich an all die guten Menschen, die uns helfen.

Eine Frau K. hat uns in einer Kammer in ihrer Wohnung versteckt, es ist ein bisschen eng hier, aber es ist sicher. Du wirst Dich später vielleicht an „unseren Salon“ – so nennt Dein Vater unser Versteck – nicht mehr erinnern können. Ich jedoch werde die Tage hier niemals mehr aus dem Gedächtnis löschen können.

Mein geliebtes Kind, mein Murmelchen. Du trage Dich unter und in meinem Herzen. Für immer.

Deine Mutter

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Ich war überwältigt. Mit dem Brief meiner Mutter hatte ich endlich einen Teil meiner Familie zurückbekommen. Ich brach erneut in Tränen aus.