Goldschmiedin

Als ich 17 Jahre war, habe ich mein Abitur gemacht. Ich war nicht nur die jüngste Abiturientin in meinem Jahrgang – ich war ja früher eingeschult worden und hatte eine Klasse übersprungen – ich war auch die Schülerin mit dem besten Notendurchschnitt. Meine Lehrer drangen in mich, ich solle doch studieren, mir stünde das Tor zur Welt der Wissenschaft weit offen. Katharina und Roland redeten mit Engelszungen auf mich ein und entwarfen tolle Bilder, was ich alles werden könne, wenn ich nur an die Universität ginge: Doktorin, Professorin, Nobelpreisträgerin gar.

Ich aber wollte nicht. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, eine Ausbildung zur Goldschmiedin zu machen und genau das tat ich auch. Die Idee, diesen handwerklichen Beruf zu ergreifen, kam nicht aus heiterem Himmel, mein Vater war Goldschmied gewesen. Ich stand seit dem ersten Brief aus Israel in regem schriftlichen Austausch mit meiner Cousine Rachel. Sie erzählte mir in ihren Briefen einiges über meine Eltern. Mein Verlangen, mehr über das Leben meiner Eltern zu erfahren, war unstillbar in jener Zeit. Und so reichte es mir nicht aus, Geschichten aus dem Leben meiner Eltern zu hören, ich wollte selbst diesem Leben nachspüren, es für mich erlebbar machen. Es war wortwörtlich eine Zeit des Sturm und Drangs in mir, ich folgte meiner Sehnsucht und ließ mich von meinen Gefühlen leiten.

Also fing ich die Lehre als Goldschmiedin an, obwohl ich selbst wusste, dass mir eine geistige Arbeit oder ein Studium leichter gefallen wäre. Handwerklich war ich eher ungeschickt und so dauerte es auch immer etwas länger als bei den anderen Lehrlingen, bis ich meine Arbeiten fertig stellte. Dennoch war ich geduldig und ließ mich in meinem Tun nicht beirren, denn ich war meinen Eltern wieder ein Stück näher gerückt. Einige Male hatte ich bei meiner Arbeit sogar den Eindruck, mein Vater säße leibhaftig in der Werkstatt an der Bank hinter mir. Das passierte mir an den Abenden, an denen ich länger als die anderen in Werkstatt geblieben war, um eine Brosche fertig zu schmieden oder die Ziselierungen noch feiner auszuarbeiten. Ich saß dann alleine an meiner Werkbank und meinte hinter mir meinen Vater zu hören, wie er an einem besonders filigranen Schmuckstück hantierte.

Ich erzählte niemandem davon, denn ich wollte dieses zarte Band mit meinen toten Eltern alleine in meinen Händen halten. Eines Abends jedoch, ich war wieder alleine in der Goldschmiede, hörte ich ein Geräusch hinter mir, das kein Traum sein konnte. Ich drehte mich um und dort stand ein junger Mann an der Bank mit dunklem verstrubeltem Haar, schmalem Gesicht und großen blauen Augen. Er war unrasiert und hielt eine Mütze in seiner rechten Hand. Ich schrie leise auf – einen kurzen Augenblick dachte ich wirklich, meinen Vater dort stehen zu sehen. Er sah genauso aus, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte. Tatsächlich wusste ich nicht, wie meine Eltern ausgesehen haben, denn es gab nicht ein einziges Foto von ihnen.

Dann erkannte ich den Mann jedoch, er war einer der jungen Goldschmiede hier und hatte im letzten Jahr seine Ausbildung beendet. Er lachte und fragte mich, ob er mich erschreckt habe. Dann fragte er mich, ob ich nicht Lust habe, ihn zum Essen zu begleiten, ich müsse doch Hunger haben und es sei auch zu dunkel hier, ich würde mir die Augen verderben. Er brauchte mich nicht lange zu überreden, ich hatte schon länger gefallen an ihm gefunden und freute mich insgeheim, dass er offensichtlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Der Abend endete mit meinem ersten Kuss. Ich war verliebt. Es war Frühling im Jahr 1959.