Exodus

Nach dem tödlichen Unfall von Paula war nichts mehr wie vorher. Als die Polizei bei uns klingelte und die schreckliche Nachricht überbrachte, wurde ich schlagartig gesund. Es gab keinen Platz mehr für mein banales Kranksein. In den folgenden Tagen lief ich verloren durch mein Leben, alles erschien mir unwirklich. Paula – tot? Das konnte, das durfte nicht wahr sein! Immer wieder hörte ich ihre Stimme in der Wohnung, ihr Lachen schallte aus der Küche zu mir ins Zimmer.

Ich trennte mich von meinem Freund. Er war selbst schwer verletzt worden bei dem Unfall und es traf ihn keinerlei Schuld. Dennoch konnte ich nicht mehr mit ihm zusammen sein. Zu schmerzlich war das Gefühl, dass er bei Paulas Tod ganz in ihrer Nähe gewesen war und ihr doch nicht helfen konnte. Auch besuchte ihn nur einmal im Krankenhaus. Das war nicht fair, und ich wußte es. Aber ich konnte nicht anders. Er kam nach seiner Genesung nicht mehr zurück in die Werkstatt. Auch Paulas Freund habe ich nie wieder gesehen.

Was seltsam war: Eigentlich hätte ich an dem Tag auch sterben können, wenn ich nicht krank gewesen wäre. Aber ich dachte nicht darüber nach, dass die Grippe mein Leben gerettet hatte, denn ich hatte den wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren. Es war mir egal, ja manchmal verfluchte ich mich sogar selbst, gab mir die Schuld an Paulas Tod. Denn ich lebte ja.

Den einzigen Trost in dieser Zeit fand ich in dem Briefwechsel meiner Cousine. Es tat so gut, sich mit jemandem schreiben zu können, der mit alldem nichts zu tun hatte und mir trotzdem nahe war. Auch wenn wir uns bislang noch nicht getroffen hatten, Rachel war mir sehr vertraut. Sie wurde in dieser Zeit eine zweite Paula für mich, manchmal bildete ich mir sogar ein, dass es Paula war, mit der ich in regem Briefkontakt stand. Ich war zum zweiten Mal in meinem Leben grausam und plötzlich getrennt worden. Und zum zweiten Mal war eine Art Ersatz zur Stelle. Damit will weder Katharina und Roland noch Rachel abwerten, ich bin ja froh, dass es sie alle gab und gibt in meinem Leben. Aber mich beschlich bisweilen trotzdem das Gefühl, dass es mein Schicksal ist, Lücken in meinem Leben zu füllen und Platzhalter zu finden.

Rachel und ich schrieben uns gegenseitig mindestens einmal im Monat einen Brief. Ich erzählte ihr von Paula und sie schrieb mir von meinen Eltern, aber auch von ihrem Leben in Haifa und von der Auswanderung nach Israel damals. Wie sie mit ihrer Familie in die „Diaspora“ gegangen war. Aber wir schrieben uns auch ganz banale Dinge, es tat mir gut, nicht immer nur mit tragischen oder emotional aufwühlenden Geschichten konfrontiert zu werden.

Je näher das Ende meiner Ausbildung rückte, umso unruhiger wurde ich. Ich wusste, dass ich nach Israel gehen musste und das möglichst schnell. Andererseits wollte ich Katharina und Roland auf gar keinen Fall vor den Kopf stoßen. Sie hatten den Tod von Paula noch nicht verkraftet und sie hatten es nicht verdient, dass auch ich sie verließ. Doch mit jedem neuen Tag, den ich erwachte, wurde die Sehnsucht nach dem unbekannten und doch so vertrauten Land größer.

Schließlich war es Katharina, die mir kurz vor meinem Abschluss sagte, ich solle nach Israel gehen, um nach den Wurzeln meiner Familie suchen und um mich auf die Spuren meiner Kindheit zu begeben. Sie weinte dabei, aber sie sprach ganz klar und fest. Ich nahm meine Zweitmutter so fest in dem Arm, wie nie zuvor in meinem Leben. Nachdem ich meine meine Ausbildung zur Goldschmiedin in der Tasche hatte, ging ich nach Israel. Das war im Sommer 1962.