Auschwitz

Etwa eineinhalb Jahre nach meinem Umzug nach Israel, ich wohnte mittlerweile in Haifa, haben in Frankfurt die ersten Strafprozesse gegen SS-Täter des Konzentrationslagers Auschwitz begonnen. Es hat fast 20 Jahre gedauert bis die Täter, die in dem größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten Hunderttausende von Menschen ermordet haben, vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung gezogen wurden.

Ich verfolgte den Fortgang der Prozesse gebannt in meiner neuen Heimat. In der »Strafsache gegen Mulka und andere« wurde die Hauptverhandlung gegen 22 Angeklagte am 20. Dezember 1963 im Frankfurter Rathaus Römer eröffnet. Die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft hatte allein mehr als 4 Jahre in Anspruch genommen. Meine Verwandten konnten nicht verstehen, warum es so lange gedauert hatte, bis die Täter in Deutschland vor ein Gericht gestellt wurden. Ich erklärte ihnen, dass die Aufarbeitung der Geschichte im Nachkriegsdeutschland nur schleppend voran ging. Viele Deutsche, selbst wenn sie nicht direkt an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt waren, wollten nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Sie verdrängten, dass sie, wenn auch nur als stille Mitwisser oder Dulder, das faschistische Regime unterstützt und die Massenmorde möglich gemacht hatten. Der Wahrheit ins Auge zu sehen, war nicht nur schmerzlich – es war fast unmöglich, ohne daran zugrunde zu gehen.

Allein in Auschwitz wurden über 1.000.000 Menschen ermordet: 965.000 Juden, 75.000 Polen, 21.000 Sinti und Roma, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene, 15.000 sonstige Häftlinge. Von Anfang 1942 bis November 1944 kamen etwa 600 „Sonderzüge“ der Deutschen Reichsbahn in Auschwitz an. SS-Aufseher und SS-Ärzte selektierten schon auf der Rampe die deportierten Häftlinge. Frauen mit Kindern, alte und kranke Menschen wurden direkt in die Gaskammern geschickt und dort ermordet. Die Leichen wurden in Krematorien und Gruben verbrannt. Um die 200.000 Häftlinge wurden nummeriert und tätowiert und zu unmenschlicher Arbeit gezwungen, die meist mit dem Tod endete. Weitere Menschen starben bei den sogenannten Todesmärschen nach Auflösung von Auschwitz und seiner 40 Nebenlager.

In Auschwitz waren 8.000 SS-Angehörige, davon 200 Frauen, von Mai 1940 bis Januar 1945 „beschäftigt“. Die meisten von ihnen verrichteten den Wachdienst, Hunderte SS-Mitglieder jedoch waren Funktionsträger in der Lageradministration und waren damit direkt verantwortlich zu machen für die grausame Ermordung der Häftlinge. Etwa 800 Auschwitz-Täter wurden in den ersten Jahren nach der Befreiung des Lagers von überwiegend polnischen Gerichten verurteilt. Vor deutschen Richtern mussten sich hingegen nur 45 Angeklagte verantworten.

Im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess wurden 360 Zeugen vernommen, darunter 211 Überlebende von Auschwitz und 54 ehemalige Angehörige der SS-Mitglieder, die in Auschwitz gewesen waren. Die Täter hatten nach 1945 ein freies, unauffälliges und bürgerliches Leben im Nachkriegsdeutschland führen können. Vor dem Gericht leugneten sie den Massenmord in Auschwitz und Nebenlagern zwar nicht. Allerdings wiesen sie, wenn schon nicht ihre aktive Beteiligung an der Massenvernichtung von Häftlingen, ihre Mitverantwortung an den Verbrechen zurück. Sie seien, so die Täter einvernehmlich, zu den grausamen Handlungen befehligt, gar gezwungen worden.

Nach fast zweijähriger Prozessdauer wurden sechs der angeklagten SS-Täter zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt:

_Franz Hofmann, Schutzhaftlagerführer, Mord in 1 Fall, gemeinschaftlicher Mord in 33 Fällen an mindestens 2.250 Menschen
_Wilhelm Boger, Lager-Gestapo, Mord in 5 Fällen, gemeinschaftlicher Mord in 109 Fällen, gemeinschaftliche Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 1.010 Menschen
_Oswald Kaduk, Rapportführer, Mord in 10 Fällen, gemeinschaftlicher Mord in 2 Fällen an mindestens 1.002 Menschen
_Josef Klehr, Sanitätsdienstgrad, Mord in 475 Fällen, gemeinschaftliche Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 6 Fällen an mindestens 2.730 Menschen
_Stefan Baretzki, Blockführer, Mord in 5 Fällen, gemeinschaftliche Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 11 Fällen an mindestens 10.050 Menschen
_Emil Bednarek, Funktionshäftling, Mord in 14 Fällen

Der Angeklagte Hans Stark erhielt eine 10-jährige Jugendstrafe. Stark war mit nur 19 Jahren als Lager-Gestapo nach Auschwitz gekommen und wurde wegen gemeinschaftlichem Mord in 44 Fällen an mindestens 300 Menschen verurteilt. Es wurden weitere Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren verhängt, drei Angeklagte wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.