Beschwörung der Jugend

Ich habe vor einigen Tagen eine Debatte im Fernsehen verfolgt, in der eine Vertreterin der deutschen „Pinkstinks“-Bewegung dabei war. „Pinkstinks“ möchte gegen die „Pinkifizierung“ von Mädchen angehen. Die Gruppe bezichtigt Medien und Werbung einen massiven Einfluss auf das Körper- und Rollenbild von Mädchen zu haben. Dabei fokussiert die Bewegung sich auf „eine limitierte Geschlechterrolle“ für Mädchen und möchte alternative weibliche Rollenbilder fördern.

Diese Vertreterin kritisierte in der Debatte die riesige Menge an einseitigen Frauenrollenbildern in der Werbung. Was mich gewundert hat, dass die Dame in der Diskussion das Männerrollenbild in Reklame und Medien gänzlich ausgespart hat. Halb- bis ganz nackte weibliche Wesen auf Plakaten und in TV-Spots – da haben die Männer in meinen Augen ordentlich aufgeholt. Es wird überall viel Haut gezeigt, ich sehe hier keinen großen Unterschied zwischen Mann und Frau mehr, was die Anzahl „nackter Tatsachen“ angeht. Was viel drastischer ins Gewicht fällt, ist, dass ständig und überall die ewige Jugend beschworen wird. Wir haben es hier also vielmehr mit einer Diskriminierung des Alterns zu tun.

Diese Diskriminierung ist übrigens nicht neu. Jugendwahn und Jugendkult gab es schon zu allen Zeiten. Das Frische, Strahlende, Unverbrauchte wird seit jeher mit Schönheit gleichgesetzt. Das Alter hingegen wird, wenn überhaupt, mit Weisheit in Verbindung gebracht. Wir Menschen sind jedoch lieber schön als weise, lieber jung als alt. Denn wenn wir alt werden, rücken wir dem Tod merklich Tag für Tag ein Stück näher, wir spüren unsere Sterblichkeit. Unsere Falten, die grauen Haare und die Gebrechen erinnern uns schmerzlich daran, dass wir endlich sind. Was nutzt es mir da, dass ich weise bin?

Wir nennen die Jugend schön, weil wir zu dieser Zeit mitten im Leben stehen. Wir halten an der Schönheit fest, weil sie Jugend bedeutet und wir uns weit entfernt vom Sterben fühlen. Die jungen, schönen, unverhüllten Körper, die wir tagtäglich in Werbung und Medien sehen, sie stehen nicht für ein Sexismus-Problem, sie stehen für das Nicht-Alt-Werden-Wollen. Sie zeugen von unserer Angst vor der Vergänglichkeit.