Verzweiflung

Heute hat Lisa mich ins Liquidrom geschleppt. Ich wollte erst nicht mitgehen, aber es war unmöglich, ihr abzusagen. Sie hat einfach nicht locker gelassen. Im Nachhinein betrachtet war es eine gute Entscheidung, dorthin zu gehen. Ich habe wenigstens für ein paar Stunden den Kopf frei bekommen und mal zur Abwechslung an nichts gedacht. Seitdem ich weiß, dass ich schwanger bin, kann ich an fast nichts anderes mehr denken. Das Kind in mir belastet mich sehr, ich komme noch nicht mal dazu, weiter an meiner Masterarbeitsidee zu feilen.

Was soll ich nur tun? Ein Kind von einem One-Night-Stand, der mir nie hätte passieren dürfen. Lisa fragt ständig nach, wer der Vater ist. Würde ich ja auch fragen. Ich finde es schrecklich, ihr den Namen des Vaters nicht sagen zu können. Ich erzähle ihr sonst so gut wie alles. Aber es geht einfach nicht. Irgendwann wird sie noch darauf kommen, dass es jemand sein muss, den sie kennt. Warum wohl sonst sollte ich ihr den Namen verschweigen? Ich hoffe inständig, dass sie dann nicht vermutet, ich könnte was mit Vince angefangen haben. Ach, so wird sie niemals denken, dafür ist sie viel zu lieb.

Als Lisa mir erzählt hat, dass sie schwanger ist, habe ich mich sehr für sie gefreut, auch wenn ich das in dem Moment nicht richtig zeigen konnte. Denn da war der Augenblick gekommen, vor dem ich mich am meisten gefürchtet habe: Ich konnte nicht länger umhin, ihr meine Schwangerschaft zu gestehen. Sie hat mich nicht beglückwünscht, weil sie sofort gesehen hat, dass es bei mir nicht so ist wie bei ihr. Sie hat sogar gesagt, dass ich ein Gesicht machen würde, als müsste ich zu meiner eigenen Hinrichtung. So ganz falsch ist das nicht, denn ich habe gerade tatsächlich das Gefühl, dass ich mich selbst hinrichte.

Klar, ich hätte das Kind abtreiben können. Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich bin kein unwissender Teenager, ich hätte einfach aufpassen müssen in der Nacht. Mal ganz davon zu schweigen, dass ich mir ja auch diverse Krankheiten hätte zuziehen können. Ich kann das Kind nicht abtreiben, weil ich mich verantwortlich für dieses Kind fühle. Auch wenn ich gerade nicht weiß, wie das alles werden soll. Ohne Vater, mitten im Studium. Ich verstehe mich plötzlich einfach nicht mehr. Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein. So bin ich doch sonst nicht, oder? Ich bin total verunsichert. Vor einem halben Jahr noch war ich das Selbstbewusstsein in Person (das hat Lisa mir mal gesagt). Und jetzt?

Ich muss Josh anrufen. Ich will das nicht mehr mit mir selbst ausmachen müssen und die einzige sein, die unter der Situation leidet.

Ein schwebender Zustand: Kopf frei im Liquidrom