Eltern von Kindern

Papa ist der glücklichste Bald-Großvater, den ich mir vorstellen kann. Als ich ihm erzählt habe, dass Vince und ich ein Kind erwarten, ist er vor Freude fast fast im Kreis rumgesprungen. Mir sind die Tränen in die Augen geschossen, als ich ihn so glücklich gesehen habe. Ich bin gerade sowieso nah am Wasser gebaut, ständig flenne ich wegen irgendwas. Die Hormone haben mein Gefühlsleben erobert.

Mama freut sich auch. Aber sie hat jetzt ständig gute Ratschläge für mich. Ein bisschen zu Übermutter vielleicht, vielleicht hat sie ein schlechtes Gewissen und will jetzt nachholen, was sie jahrelang trunkenheitsbedingt nicht getan hat. Ich nehme es ihr nicht übel, es rührt mich sogar ein wenig. Trotzdem stört mich ihre mütterliche Fürsorge gerade. Ich bin schließlich kein kleines Mädchen mehr – damals hätte ich mehr davon gebrauchen können, jetzt nicht mehr so viel.

Papa hat mich gleich gefragt, wie Marlene auf meine Schwangerschaft reagiert hat. Ich hatte Papa Anfang des Jahres endlich erzählt, wie das damals mit Mama war, nachdem sie sich getrennt hatten. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, aber Vince hatte mich darin bestärkt, nun endlich mit offenen Karten zu spielen. Jetzt, wo ich selbst Mutter werde, wird es sicherlich doch dazu kommen, dass Mama und Papa sich zu Familienfeiern sehen. Mir ist es wichtig, dass es dann ein entspanntes Miteinander gibt, ich kann diese Heimlichtuerei nicht ausstehen. Auch wenn Hans Gustav und Marlene sich über die Zeit, als Mama getrunken hat, selbst nicht unterhalten werden. Ich spüre diesen Druck nicht mehr, der auf mir gelastet hat und wegen dem ich es all die Jahre vermieden habe, die beiden an einen Tisch zu bringen. Jetzt muss ich kein Geheimnis mehr hüten, dass eigentlich das Geheimnis meiner Mutter ist, das erleichtert mich.

Papa hat mit sehr viel Verständnis reagiert, auch wenn ich ihm seine Bestürzung über seine eigene Unwissenheit deutlich angesehen habe. Aber was kann er schon dafür? Er ist ja nicht verantwortlich dafür, dass Mama gesoffen hat. Ich glaube trotzdem, dass er sich seit unserem Gespräch selbst Vorwürfe macht. Vielleicht hat Papa jetzt dass Gefühl, dass das alles nicht passiert wäre, wenn er bei uns geblieben wäre. Aber so ist es nun mal: Menschen kommen zusammen und trennen sich. Und um mich hat er sich nach der Trennung weiterhin rührend gekümmert, auch wenn er nicht so oft da war. Er hat damals ja schließlich in Ost-Berlin gelebt und konnte nicht jeden Tag auf der Matte stehen. Dennoch möchte ich über Zeit, als Papa und Mama zusammen waren, mehr erfahren. Hans Gustav tut sich immer noch schwer damit, die Geschichte mit seinen beiden Frauen zu erzählen. Er denkt bestimmt, dass ich ihn moralisch dafür verurteile. Das tue ich nicht, aber ich möchte nachvollziehen können, was da damals passiert ist.