Eine gefährliche Mischung

Marlene ist Alkoholikerin. Als Lisa mir das erzählt hat, habe ich mich gefühlt, als wäre der Boden unter meinen Füßen weggezogen worden. Warum wusste ich das nicht? Wie konnte mir das verborgen bleiben? Auf einmal verstehe ich, warum Lisa mir all diese Fragen zu meiner Vergangenheit stellt. Und bin selbst verwundert darüber, dass sie mich nicht schon viel früher gefragt hat.

Als Marlene und ich uns damals getrennt haben, war es beileibe nicht so, dass wir laut oder feindselig auseinander gegangen sind. Im Gegenteil, es geschah aus der beiderseitigen Einsicht heraus, dass unsere gegenseitige Zuneigung nachgelassen hatte. Sicherlich habe ich mich zu dieser Zeit auch für Elisabeth entschieden und Marlene dürfte das nicht entgangen sein. Aber sie machte nie den Eindruck auf mich, als ob sie unsere Trennung aus der Bahn geworfen habe. Sie wirkte in unseren Gesprächen stets gefasst, es gab kein Geschrei , Gezeter und Mordio. Natürlich haben wir beide geweint, denn wenn man auseinandergeht und darüber spricht, dann ist es ein bewegender, trauriger Moment. Aber das ist doch ganz normal.

Lisa war damals erst 5 Jahre alt. Marlene und ich waren beide der Meinung, dass wir unsere Tochter so wenig wie möglich mit der Trennung belasten wollen. Es war ja von Anfang eine ungewöhnliche Familien-Konstellation: Ich war nicht immer zugegen, hatte Frau Elisabeth und Tochter Emma in Ost-Berlin und pendelte zwischen den beiden Familien. Trotzdem sollte sich für Lisa nicht so viel ändern, da war ich mir sicher, denn ich wollte genauso oft wie früher meine geliebte jüngere Tochter da sein. Und dennoch habe ich einen sehr wichtigen Teil im Leben meiner Tochter verpasst, einfach nicht mitbekommen. All die Jahre erlebte Lisa ihre betrunkene Mutter, während ich nichts bemerkt habe. War ich blind? Aber wie hätte ich das sehen können?

Lisa sagt, dass Marlene eine hervorragende Schauspielerin gewesen ist. Nach außen hin trat sie stets freundlich und nüchtern auf, sie hatte sich offensichtlich so gut im Griff, dass selbst enge Freunde erst sehr spät bemerkt haben, was da eigentlich los ist. Ich habe Marlene nach unserer Trennung nicht sehr oft und wenn nur kurz gesehen. Jetzt weiß ich, warum sie es vermieden hat, zu oft mit mir zusammen zu treffen. Bislang habe ich mir keinen Kopf darüber gemacht, es erschien mir nicht seltsam, dass Marlene sich so distanzierte. Jetzt bin ich klüger. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes die „Traumfrau“: Alle ihre Träume, aus denen sie ihre Bühnenbilder gebaut hat, schwanken wie ihr inneres Selbst zwischen Kälte, Zerbrechlichkeit und Überdrehtheit. Das hat mich damals an ihr so fasziniert. Ich hätte jedoch niemals angenommen, dass sie sich selbst damit schaden könnte. Daran ist sie wohl zerbrochen. Und Lisa hat sie mit ihrem Schweigen schützen wollen.

Jetzt wird meine Tochter selbst Mutter. Ich bin der glücklichste Vater und Großvater der Welt. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen. Jetzt ist es an mir, die Dinge gerade zu rücken. Das hätte ich schon viel früher tun sollen. Ich werde Lisa ihre Fragen beantworten. Und mit Marlene sprechen.