Zwischen Schwester und Freundin

Heute morgen habe ich mit Emma gefrühstückt. Sie hat bei uns geschlafen, weil Josh die letzte Nacht mal zu hause war. Sie wollte nicht mit ihm in der gemeinsamen Wohnung sein. Deshalb ist sie zu Vince und mir gekommen. Wir haben gestern einen Film geschaut, „You Don’t Mess with the Zohan“ mit Adam Sandler und ich war mir erst nicht sicher, ob es das richtige ist. Aber Emma hat wenigstens ein paar Mal herzhaft gelacht, ich glaube, es hat ihr gut getan, sich diese großartig alberne Slapstick-Satire anzusehen.

Sie ist so tapfer, meine große Schwester. Seltsam eigentlich, dass ich sie überhaupt meine Schwester nenne. Wir sind ja nicht zusammen aufgewachsen und haben uns erst kennengelernt, da war ich schon 14 Jahre alt. Wir haben nie zusammen gewohnt und dass wir denselben Vater haben, heißt ja noch nicht, dass wir uns wie Geschwister fühlen. Aber wie fühlen Geschwister sich eigentlich? Ich weiß ja gar nicht, wie es ist, mit einem Bruder oder einer Schwester aufzuwachsen. Ich war ein Einzelkind und das war ich nicht gerne.

Ich habe Emma gleich gemocht. Patrice auch, aber mit Emma war das noch was anderes. Nicht unbedingt, weil wir beide weiblich sind. Sondern weil es diese seltsame Dreiecksbeziehung zwischen Hans Gustav, Marlene und Elisabeth gegeben hat. Diese Geschichte hat, trotz aller „Nebenwirkungen“, so was wie ein unsichtbares Schwesternband zwischen Emma und mich gelegt. Emma ist sicherlich auch mehr Schwester als Freundin für mich, weil sie gut 7 Jahre älter als ich ist. Der Altersunterschied fällt heute nicht mehr so ins Gewicht, damals war sie aber schon eine junge Frau, während ich ein Teenager in der schönsten Pubertät gewesen bin.

Wir haben gestern und heute früh nicht viel geredet, Emma und ich. Ich bin ehrlich gesagt auch froh darüber, weil ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Emma spürt das zum Glück. Sie weiß, dass sie jederzeit zu mir kommen und bei uns schlafen kann. Aber einen Ratschlag kann ich Emma nicht gut geben, schließlich ist die „Auslöserin“ ihres Unglücklichseins meine beste Freundin, die ich allerdings gerade ganz und gar nicht verstehen kann. Ich habe mit Sevtap noch nicht geredet, seitdem wir im Liquidrom gewesen sind. An diesem Abend habe ich noch nicht gewusst, dass Josh derjenige welcher ist. Ich muss sie unbedingt anrufen, sie muss mir das schon erklären, was da passiert ist. Aber will ich das überhaupt wissen? Ich bin mir nicht sicher.

Ach herrje, so spät ist es schon. Ich muss los, ich habe gleich noch eine Untersuchung bei meiner Frauenärztin und treffe mich dann mit meinem Vater und seiner neuen Freundin zum Abendessen. Sehr nette Frau übrigens, diese Gertrude.