Schicksalsinszenierung

Der Abend mit Gertrude und Lisa gestern war wirklich sehr schön. Lisa hatte Appetit auf Hamburger und sich ausgesucht, dass wir zum Restaurant „The Bird“ gehen. Mir sind die Portionen ja immer zu groß, aber der Ghetto Deluxe Burger ist einfach so lecker, da kann ich nicht widerstehen. Gertrude hat ihren Burger elegant mit den Händen verspeist, als würde sie niemals etwas anderes tun. Es war richtig ein Genuss, ihr dabei zuzusehen. Sie hat schließlich ein paar Jahre in Philadelphia und Boston gelebt, da lernt man sicherlich Burger so zu essen, dass es manierlich aussieht. Bei Lisa und mir hingegen war es das übliche Disaster: Der Käse tropfte, das Fleisch fiel aus den Brötchenhälften, die Münder und Hände war fettverschmiert und auf Bluse und Hemd fanden sich Spritzer von Ketchup wieder. Aber uns war das herzlich egal, es war einfach ein guter Abend.

Gertrude und Lisa verstehen sich hervorragend, das wundert mich nicht. Beide sind nicht nur ziemlich umgängliche und offene Persönlichkeiten, sondern obendrein auch klug und unterhaltsam. Es freut mich natürlich, wenn meine Kinder meine neue „Flamme“ mögen. Schade nur, dass Emma gestern nicht mit dabei war. Ich hatte versucht, sie telefonisch zu erreichen, aber Lisa sagte mir, dass Emma ziemlich viel um die Ohren habe. Bestimmt hat sie sich gerade vergraben, um ihre Reportage fertig zu stellen. Ich kenne meine Tochter – wenn die Arbeit sie fesselt, dann sperrt sich sich zusammen mit der Arbeit ein und gibt ihr solange genug Raum, bis sie selbst wieder Luft bekommt und die Fesseln abfallen. Das Freiheitsgefühl nach einer solchen Phase des Schaffens ist enorm. Mir geht es ganz genauso, wenn ich ein neues Stück schreibe und inszeniere. Ich kann nicht anders, ich muss mich der Tätigkeit dann voll und ganz hingeben. Diese Art zu arbeiten hat meine Ältere wohl von mir. Deshalb bin ich ihr nicht böse, wenn sie gerade nicht auf meine Anrufe reagiert.

Emma kennt Gertrude schon länger als ich. Sie hat eines der ersten Interviews für ihr Projekt „Grenzgänger“ mit Gertrude geführt. Was für ein seltsamer Zufall, manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass das Leben seine eigenen kleinen Theaterstücke ersinnt und dann leise lacht, weil es sich über die gelungenen Schicksalsinszenierungen freut. Ich bin fast versucht, ein komisches Stück daraus zu entwickeln. Mal sehen, die zündende Idee dazu fehlt mir noch und die Konstellation allein reicht nicht aus, aber ein Verwirrspiel à la „Die (s)panische Fliege„, die Fritsch so wunderbar hysterisch in der Volksbühne in Szene gesetzt hat, dürfte es schon sein.