Alt oder jung?

Ich habe in meinem Leben so viele Familien kennen gelernt, meine eigenen, die von Freunden und die von meinen Liebschaften. Mit einen 71 Jahren bin ich trotzdem nicht „cooler“ geworden, wenn es darum geht, in eine neue Familie eingeführt zu werden. Was es dieses Mal vielleicht ein wenig einfacher macht, ist, dass ich Emma ja bereits kannte, bevor ich Hans Gustav getroffen habe. Seine andere Tochter Lisa ist glücklicherweise auch ganz unkompliziert und sehr sympathisch. Patrice habe ich nur kurz gesehen, als Hans Gustav und ich in seinem Restaurant essen waren. Der junge Mann hat einen sehr patenten Eindruck auf mich gemacht. Wunderbar, wenn eine Familieneinführung so angenehm ist.

Die letzten Wochen waren ein echter Jungbrunnen für mich. Mit Hans Gustav fühle ich mich wie ein Backfisch, die Schmetterlinge schlagen Purzelbäume in meinem Bauch. Ein schönes Gefühl. So ging es mir schon lange nicht mehr. Da vergesse ich fast, dass mir meine Gelenke zu schaffen machen. Das für diese Jahreszeit so ungewöhnlich feucht-kalte Wetter verstärkt mein Rheuma. Ich werde alt, auch wenn ich mich nicht so fühlen will. Vielleicht sollte ich doch in Erwägung ziehen, diese grauen und kalten Winter hinter mir zu lassen, um für diese Zeit ein Winterlager in Israel aufzuschlagen. In Israel ist das Klima in den Wintermonaten viel milder als hier, es hat mit gut getan, im Januar und Februar dort gewesen zu sein.

Erst gestern habe ich mit meiner Cousine Rachel telefoniert. Wir haben über das Wetter, Hans Gustav und die Familien gesprochen. Manchmal tut es gut, einfach nur über den Alltag zu sprechen. Dabei wollte ich Rachel fragen, was sie über den Eklat um den NSU-Gerichtsprozess denkt. Ich bin mir gar nicht sicher, ob diese peinliche Geschichte auch in Israel für viel Aufmerksamkeit sorgt. Ich habe meinen eigenen „Pressespiegel“ in letzter Zeit ein wenig nachlässig behandelt. Nun ja, ich bin verliebt, da ist die Liebe wichtiger als alles andere. Die Diskussion in den deutschen Medien verfolge ich natürlich. Und schäme mich bisweilen dafür, weil ich mich ja doch auch als Deutsche fühle. Es sind diese geschmacklosen Debatten um einen Prozess, der eigentlich dazu da sein sollte, Licht ins Dunkel dieser beschämenden und menschenverachtenden Taten zu bringen. Dazu kommt noch die Entdeckung eines geheimen Neonazi-Netzwerkes in deutschen Gefängnissen. Da mag man zwar über die internen Streitereien und der Pleite bei der NPD lachen, aber diese Partei ist schon längst nicht mehr das Problem – es gibt eine wachsenden faschistischen Bewegung in Deutschland, die im Untergrund ihre Strippen zieht und Kontakte zu Organen erhält, die unsere Gesellschaft schützen sollen. Obendrein entwickelt sich eine zunehmende Akzeptanz für Meinungen, die das „Fremde“ ablehnen. Nicht nur Neonnazis sprechen offen von „Überfremdung“ und fordern mehr „Schutz für Deutsche“. Auch Politiker aus den Volksparteien stimmen in den populistischen Kanon ein – mit verdeckten Andeutungen zwar, aber deutlich genug, damit die Botschaften von der breiten Bevölkerung verstanden werden. Das ist es, was mir wirklich Sorge bereitet.