Kołobrzeg

Polen ist ein schönes Land, wild, ungezähmt irgendwie. Als ich noch klein war, sind meine Eltern, meine Großeltern und ich im Sommer oft an die polnische Ostsee gefahren und haben dort meine Tante besucht. Die Schwester meiner Mutter hatte einen Polen geheiratet und lebte seitdem mit ihrer Familie in Kołobrzeg. Ich habe mit meinen Cousins am Strand Möwen und Albatrosse gejagt und wir haben uns im Sand gewälzt, nachdem wir im Meer gebadet hatten. Wenn es für mich einen Ort auf dieser Welt gibt, den ich mit Sommerfrische verbinde, dann ist es der Strand von Kołobrzeg.

Ich bin seit Jahren nicht mehr dort gewesen. Meine Tante und ihr Mann lebten mittlerweile in Westdeutschland und meine Cousins sind nach England und Amerika gegangen. Aber letzte Woche hat es mich gepackt und ich bin dorthin gefahren. Einfach den Kopf freipusten, Frischluft atmen, Josh wenigstens ein paar Minuten lang vergessen. Als ich über die Landstraßen Westpommerns fuhr, fühlte ich Wehmut in meinem Herzen. Mir war alles noch so vertraut und trotzdem war es anders als damals. Die Zeit war stehengeblieben und trotzdem weitergegangen. Die Häuser kommen aus der Vergangenheit, die Autos demonstrieren Gegenwart. Reklameschilder säumen nun Straßen und Alleen und wirken, als ob sie sich hierher verirrt hätten, sie sind Fremdkörper in einer verloren gegangenen Welt. Die schreiend bunten Plakate sind verblasst, gerade so, als ob sie schon Jahrzehnte hier hingen.

In Kołobrzeg angekommen, bin ich sofort zum Strand gelaufen. Auch hier wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich alles verändert hatte ohne sich verändert zu haben. Der Strand ist heute sehr aufgeräumt, ordentlich mit Stegen eingerahmt. Der Leuchtturm sieht aus wie neu, obwohl er schon so alt ist. Und überall Buden und Stände, die den vielen Besuchern Bernstein, Würstchen und Postkarten verkaufen.

Ich habe mich einfach nahe der Wasserkante auf einen Holzstelen gesetzt und jahrhundertelang auf das Meer und die Vögel geschaut. Ich habe dem Meer und den Vögeln zugehört und tatsächlich an nichts gedacht. Ich bin eins geworden mit dem Wasser, der salzigen Luft, mit den Schreien der Möwen und dem Rauschen der Wellen, mit dem Muschelsand und dem Horizont, den ich mit meinem Finger antippen hätte können, wenn ich es nur gewollt hätte. Als die Dämmerung ihr dunkelblaues Band über mich und den Strand von Kołobrzeg legte, bin ich einfach sitzengeblieben. Die Luft um mich wurde zunehmend frischer, aber ich spürte die Kälte nicht. Ich blieb die ganze Nacht am Strand, irgendwann war es totenstill um mich herum, kein Geräusch drang mehr in mein Ohr. Als am Morgen die Sonne mein Gesicht mit ihren Strahlen streichelte, konnte ich mich kaum mehr bewegen, ich war fast zu einer Statue geworden. Langsam streckte ich meine Beine von mir, bewegte die Zehen, hob die Arme und ballte meine Hände zu Fäusten. Obwohl ich nicht geschlafen hatte, war ich nicht müde und mir war auch nicht kalt.

Ich erhob mich im Zeitlupentempo, aber es kam mir vor, als wäre ich in einem Zeitraffer. Ich probierte einen Schritt, dann einen nächsten und einen dritten. Als ich sicher war, dass meine Füße mich tragen werden, bin ich zu einer Bude gelaufen, um einen Kaffee zu trinken. Ich wußte nicht, wie viel Uhr es sein mochte, aber die Läden an der Strandpromenade hatten bereits geöffnet. Es musste so gegen 10 Uhr sein. Ich hatte fast 18 Stunden am Strand gesessen ohne mich zu bewegen und ohne an etwas zu denken. Plötzlich wusste ich, was zu tun war.