Echte Träume

She is back. Emma ist zurück. Es ist das erste Mal, dass ich sie seit unserem Gespräch Ende März gesehen habe. Sie hatte mir danach einen Brief geschrieben und darum gebeten, dass ich sie für einige Zeit in Ruhe lasse. Das habe ich getan, obwohl ich eine unglaubliche Sehnsucht nach ihr hatte – nach dem Veilchenduft ihrer Haut, nach ihrem perlenden Lachen, nach ihren grünen Augen. Zum Glück war ich in den letzten Wochen viel unterwegs und konnte allein durch die räumliche Distanz Abstand halten. Trotzdem habe ich die ganze Zeit an Emma gedacht und jede Nacht von ihr geträumt. In meinen Träumen war sie immer irgendwie verschwunden oder nicht erreichbar oder wir waren durch eine unsichtbare Wand getrennt. Oft bin ich schweißgebadet aufgewacht.

Mit Sevtap habe ich bislang nur am Telefon gesprochen. Ich will und wollte sie nicht sehen, was allerdings nichts an der Tatsache ändern wird, dass sie das Kind behalten wird. Also habe ich ihr versprochen, dass ich sie finanziell unterstützen werde. Sevtap war sehr kurz angebunden, aber sie hat sich für mein Angebot bedankt. Wir werden uns über kurz oder lang doch noch mal treffen müssen, wenigstens um die Formalitäten zu klären. Ob ich dem Kind ein Vater sein kann? Ich weiß es nicht. Im Moment kommt es mir so weit weg vor, fast wie ein Traum. Dabei erscheinen mir meine eigenen nächtlichen Träume sogar realistischer als diese Geschichte.

Jetzt ist Emma wieder da. Sie stand heute Morgen plötzlich in der Küche, ich saß am Tisch mit Kaffee und Zeitung und telefonierte dazu mit meiner Mum in den USA über Skype. Die aktuelle Situation ist durch das Bombenattentat beim Boston Marathon, durch die vergifteten Briefe, die an President Obama und Senator Wicker gerichtet waren, und durch die Explosion in einer texanischen Düngemittelfabrik sehr angespannt. Meine Eltern machen sich Sorgen um die nationale Sicherheitslage. Die alte Angst hat das Land wieder einmal fest im Griff. Dabei denke ich, dass die Überschneidung der Ereignisse mehr dem Zufall denn der Absicht geschuldet ist. Immerhin musste ich meiner Mum nichts über die „aktuelle Lage“ in Berlin erzählen, sie war viel zu sehr mit den Geschehnissen der letzten Tage beschäftigt. Sie hat noch nicht mal gefragt, wie es Emma oder Jenna geht.

Emma nahm sich eine Tasse und goss sich Kaffee ein, dann setzte sich zu mir an den Küchentisch. Ich beendete das Gespräch mit meiner Mum schnell, ist hatte jetzt Wichtigeres zu besprechen. Emma nippte an ihrem Kaffee, dann sagte sie leise, aber mit fester Stimme: „Ich werde vorerst hier wohnen bleiben. Ich weiß aber noch nicht, wie es mit uns weitergeht. Ich kann Dir Deinen Ausrutscher verzeihen, aber das mit dem Kind ist eine Sache, die viel, viel tiefer geht, Josh. Dieses Kind ist Dein Kind und Du wirst die Verantwortung dafür tragen müssen. Dieses Kind wird mich immer daran erinnern, dass Du mich verletzt hast. Ob ich das aushalte dann, dass vermag ich noch nicht zu sagen.“