Wissen ist Ohnmacht

Ich kann nicht in Worte fassen wie überglücklich ich darüber bin, dass Emma wieder da ist. Ihr Verschwinden hat mich schlaflose Nächte gekostet. Wenigstens lang Jenna neben mir, hat sich an mich geschmiegt, um meinen Herzschlag zu spüren und ihre Arme um mich gelegt, um mich zu beruhigen. Wenn ich ihr doch nur erzählen könnte, warum ich so durchgedreht bin über Emmas plötzliche Abwesenheit. Jenna kennt Emma nur so, wie sie jetzt ist. Sie kennt nicht die Emma, die ich kennen gelernt habe, als Hans Gustav und Elisabeth mich in die Familie aufgenommen haben. Übrigens kennt auch Josh, dieser Mistkerl, nur die starke Seite meiner Schwester. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der ihre ganze Persönlichkeit kennt, nicht mal Hans Gustav oder Lisa wissen davon. In den Tagen als Emma ohne ein Wort zu sagen nach Polen gefahren ist, habe ich gemerkt wie schwer diese Last ist, der einzige zu sein, der weiß.

Wissen ist Macht, in meinem Fall ist Wissen aber eher Ohnmacht. Ich war kurz davor, Jenna alles zu erzählen, aber ich konnte einfach nicht. Da war zum einen die Hoffnung, dass Emma zurück kommt (was sie auch getan hat) und Jenna selbst erzählen kann, was ihr als Kind passiert ist und was das mit ihr gemacht hat. Zum anderen hat mich der Gedanke, dass Jenna Josh bittere Vorwürfe machen könnte, davon abgehalten. Sie ist ja sowieso schon sehr enttäuscht von ihrem Bruder, versucht aber, das nicht allzu sehr zu zeigen. Sie hält sich weitgehend heraus aus der Tragödie, die sich zwischen Josh und Emma abspielt. Ich auch, aber für mich ist es einfacher. Ich spreche mit Emma, wann immer sie mich braucht, und ich vermeide es, Josh zu begegnen, denn dann muss ich nicht mit ihm sprechen. Meine tapfere Jenna, ich weiß selbst nicht, wie ich in ihrer Situation reagierte.

Dazu kommt, dass die Geschichte mittlerweile Kreise zieht. Das macht es für Emma noch schlimmer, es muss ihr unerträglich sein. Emmas Ex-Freund war gestern im Restaurant. Er wollte unbedingt „Hallo“ sagen und kam zu mir in die Küche. Dann hat er mich gefragt, wie es Emma geht. Der Typ wusste schon, was passiert ist. Weiß der Himmel woher er das wusste, aber solche Geschichten pfeifen die Spatzen wohl schneller von den Dächern, als ein Überschall-Flugzeug diese überflogen hat. CA war ziemlich aufgebracht über die Geschichte, er sagte sogar, dass er Josh am liebsten „die Fresse polieren“ würde.

Seltsam, dass CA so reagiert. Emma hat ihn schließlich damals wegen Josh verlassen. CA ist Emma noch Monate lang hinterher geschlichen, bis er irgendwann endlich verstanden hat, dass es aus ist. CA war schon immer ziemlich auf Emma fixiert, er hat ihr damals kaum Raum für ihr eigenes Leben gelassen. Deshalb war Emma wohl auch so begeistert von Josh, der viel unterwegs ist und dem das gegenseitig „frei-sein-lassen“ in einer Beziehung so wichtig ist. Wir waren alle froh und erleichtert, als Emma mit Josh zusammen kam, CA war anstrengend für uns alle und hat Emma mit seiner „Du bist die Frau meinen Lebens“ Litanei fast verrückt gemacht.

Josh war in meinen Augen ein Volltreffer, Emma und er passen so gut zusammen. Deshalb verstehe ich nicht, warum er ihr das antun konnte. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Charaktere vielschichtig sind. Wir sind keine eindimensionalen Wesen, wir tragen viele, zum Teil sich widersprechende Eigenschaften in uns. Wir sind vor allem dann von jemandem, der uns nahe steht, überrascht, wenn eine Eigenschaft, die wir bislang nicht sehen konnten (oder wollten?) so deutlich zu Tage tritt, dass wir diese nicht mehr verleugnen können. Im besten Fall ist es eine Stärke oder Befähigung, die wir bewundern können oder die uns eine neue Facette aufzeigt, die die gemeinsame Beziehung bereichert. In Joshs Fall ist es eine Eigenschaft, die enttäuscht, verärgert, verletzt und von der wir uns sehnlichst wünschen, dass sie niemals zu Tage getreten wäre.