Die relative Stille

Kinka, wo bist Du? Frage ich Dich in die relative Stille hinein. Kinka gib mir Deine Hand. Stark und heiß ist sie, die Hand, und viel größer, als ich sie in Erinnerung habe. Du streichst mir sanft über die Wange, eine beruhigend Geste. Ich schwitze in der Dunkelheit, habe die Decke weit von mir geworfen, aber es wird nicht kühler um mich herum. Obwohl es doch Spätherbst ist. Aber auch Deine Hand ist ja so heiß. Vielleicht ist sie es, die diese Hitze im Raum verteilt.

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Ach Emma, Emma, ich bin doch da. Siehst Du mich nicht? Schau genau hin, hier ist meine Hand. Halte sie ganz fest, damit der Raum Dich nicht verschluckt. Ich will Dich beschützen von dem Ungeheuer, das dort in der dunklen Ecke auf Dich wartet. Es schreckt mich nicht, auch wenn es einen wahrhaft grässlichen Kopf hat und vergiftete Luft atmet. Ich werde dem Biest den Kopf abschlagen und ihn zum Fenster hinauswerfen. Dann musst Du Dich nicht mehr fürchten.

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Aber es ist ja gar nichts dort in der dunklen Ecke. Ich weiß, dass da nichts ist. Es ist diese relative Stille, die mich ängstigt, Kinka. Sie will mich verschlucken und dann langsam verdauen. Davor graut es mir am meisten: Dass ich mich auflöse, langsam und unaufhaltbar, wenn auch ohne Schmerz, denn der ist schon in der Vergangenheit eingeschlossen.

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Ach Emma, Emma. Verstecke Dich nur hinter meinem Rücken, ich nehme Dich als mein Schatten überall hin mit und es wird Dir kein Leid mehr geschehen. Als mein Schatten kann Dich niemand mehr berühren, ich stehe vor Dir, groß, stark, unbeugsam. Du kannst immer durch meinen Mund sprechen, wenn Du es nur willst. Du kannst aber auch schweigen, solange Du magst. Keiner wird merken, dass Du ich und ich Du bin.

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Ist es wirklich wahr, bin ich in Sicherheit? Aber ja doch, ich fühle es. Es ist nur so heiß in Dir und ein wenig beengt ist es auch. Sag mir doch Kinka, wie kann ich Dein Schatten sein? Was muss ich tun, damit ich aus mir heraustrete um hinter Dir zu stehen?

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Ach Emma, Emma. Sei nur ruhig. Richte Dich auf, ja, so ist es gut. Mach Dich ganz gerade. Siehst Du das Licht? Dort ist der Ausgang. Mach einen einzigen Schritt durch dieses Licht und Du bist dort angekommen, wo kein Leid mehr Dich treffen kann. Siehst Du? Es ist ganz einfach. Du bist mein Schatten. Lehne Dich ruhig an meinen Rücken, schlafe dort ein Weilchen bis Du erfrischt bist. Wenn es Dir angenehmer ist, können wir die Schwärze aus dem Raum pusten. Sieh nur dort, die Sonne. Sie will ja endlich aufgehen.