Die absolute Stille

Die absolute Stille dauert nur den Bruchteil einer Sekunde zwischen zwei tosenden Wellenaufschlägen am Ufer. Das nur scheinbar immer währende Rauschen des Wassers hält inne und plötzlich ist alles ganz und gar Ruhe. Als sei die Welt stehen geblieben, als wäre alles in einem Bild erstarrt, leblos, festgefroren. Ich war ein Kind, ein Mädchen von 5 Jahren, blondbezopft und hoffnungslos romantisch, als ich in diese gnadenlose Stille für Nanosekunden – oder waren es Jahrhunderte? – eintauchte.

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Der Hof, er ist mein Schloss. Ich bin Prinzessin und Herrin über Steine, Gras und Blumen, über die Müllstellplätze, Fahrradständer und den alten Ahorn, über den Sandbuddelkasten in der Ecke und den verrosteten Wäscheständer auf der gegenüberliegenden Seite. Ich feiere ein buntes Fest mit meinem Hofstaat und der alte Baum, mein liebster Diener, spendet angenehmen Schatten an diesem heißen Tag im Juli, sein grünes Laubdach ist zugleich die Decke des Ballsaales. Wir wiegen uns im Takt der zarten Melodie, die von dem lauen Lüftchen, den rauschenden Blättern, den klappernden Türen und den plappernden oder singenden Nachbarn aus den Wohnstuben mit den geöffneten Fenstern gespielt wird. Plötzlich steht er vor mir. Er besucht mich in meinem Schloss, ein Ritter auf der Durchreise. Er lacht breit und grüßt freundlich. Dann will er der Prinzessin, mir, ein Gastgeschenk machen. Es ist doch so heiß, an diesem Tag im Juli. Er streicht mir über den Kopf und fragte mich, ob ich ein Eis als Zeichen seiner Freundschaft annehmen mag. Ein Eis, das kann wohl nicht verkehrt sein. Denke ich. Und folge ihm, dem Ritter, in sein fremdes, schreckliches Land.

In seiner schwarzen Burg angekommen sehe ich, dass das Eichentor schwer ins Schloss fällt. Mein feinstoffliches, grünes Prinzessinnen-Sommerkleidchen löst sich von meinem mageren Mädchenkörper, dann bäumt sich mein Ozean auf, turmhohe Wellen schlagen hart auf meinem dunklen Strand auf. Als das Brüllen der Wellen fast unerträglich wird, tritt die absolute Stille ein.

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Und sie ist da. Kinka ist aus dem Nichts aufgetaucht, schaut mich mich großen Augen an, sie lacht rau und wird mich nicht mehr alleine lassen. Sie ist die dunkle Prinzessin, mein Spiegel, mein Zwilling und meine ständige Gefährtin von nun an. Ich kann sie nicht mehr, ich werde sie nicht mehr gehen lassen.

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Ein Schrei. Rasch ist das dunkle Band der Nacht zerschnitten bevor 1.001 Fäden die samtene Ruhe wieder geflickt haben. Die Sterne leuchten leise am marineblauen Himmel, alles erscheint friedvoll. Kinka ist da, neben mir. Bleich richtet sie ihr Gesicht zum Mond, die Beine streichholzdünn, sie läuft, bleibt stehen, sie zittert, verstummt. Meine Tränen wollen nicht fließen, der Schmerz sitzt tief, aber ich weiß nicht mehr, wo er ist. Der falsche Ritter ist schon weitergezogen, aber sie, Kinka, steht schwankend am Strand, leise keuchend, hustend. Sie macht einen Schritt, versucht ihren Fuß in den weichen Sand zu setzen, aber die Unschuld des schmeichelnden Bodens lässt mich zurückzucken. Kinka ist erstarrt. „Wie?“ frage ich sie. Kinka dreht sich um. Eine halbe Drehung, die alles verändern wird, sie reicht mir ihre knochige, trockene Hand.

Das Licht meines Lebens ist erloschen und in ihrem, in Kinkas, aufgegangen. Aufgegangen in dem Augenblick, da der Fremde sich meiner und damit ihrer bemächtigte. Starke Arme drückten sie und nicht mich nieder. Dichter Schweißgeruch hüllte sie und nicht mich ein. Dunst von Alkohol betäubte sie und nicht mich. Jetzt bin ich eins mit Kinka, ich bin in ihr und sie in mir, sie hält mich mit ihren dürren aber doch so starken Armen. Ich verstecke mich hinter ihrem schmalen Rücken, der wie eine Mauer für mich ist. Ich atme durch ihre Nase, ich höre mit ihren Ohren, ich sehe mit ihren Augen und ich spreche mit ihrem Mund.

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Unsere Schuhe schlagen zu laut auf dem Treppenabsatz auf, unser Laufen hallt im ganzen Haus wieder. Endlich sind wir an der Tür angekommen, nur noch zwei Schritte, dann stehen wir in der Wohnung, milchiges Licht dringt vom Hausflur durch die Scheiben der Eingangstür. Wir gehen ins königliche Badezimmer, wir lassen kaltes, klares Wasser über uns laufen, stundenlang und literweise, so scheint es mir. Wir fühlen uns klebrig und heiß, nein, ich bin es, die sich klebrig und heiß fühlt, Kinka ist kühl und trocken. Mein Herz rast, in meinem Bauch schlagen geballte Fäuste gegen die Magenwand. Aber Kinka atmet ganz ruhig, nicht einmal ihre Augen flackern als wir zu meinen Eltern, dem König und der Königin, gehen und unseren todmüden Körper an sie schmiegen. Wir sagen nichts, wir lächeln nicht, wir schließen die Augen halb und schauen nirgendwohin. Das Königspaar streicht uns liebevoll über den blonden Schopf, sie fragen uns, ob wir ein Eis wollen, und als wir stumm verneinen, denken sie wohl, wir seien erschöpft von dem Ball im Schloss. Der König trägt uns ins Bett, liest uns ein Märchen vor, küsst unsere Augenlider bevor er das Licht ausmacht und die Tür wie immer einen Spalt auflässt, damit das Zimmer nicht ganz in der Nachtschwärze versinkt und die Geister anlockt, die böse Träume einflüstern. Was der König nicht weiß: Die grausamen Albtraumgeister, sie sind von heute an immer da, ganz gleich, wie groß der Lichtspalt sein mag.

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In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal mein Bett mit Kinka geteilt und es sollte für viele Jahre sein. Seit dieser Nacht habe ihr meine schlimmsten Alpträume überlassen, die der Lichtspalt nicht mehr verschlucken konnte. Seit dieser Nacht haben wir in der Sonne nie wieder Eis gegessen und nie wieder im Hof gespielt. Seit dieser Nacht musste ich Kinka gehorchen und tun, was sie mir sagte, wenn der Morgen graute und die Sonne die Dunkelheit zurückgedrängt hatte. Seit dieser Nacht waren Kinka und ich wir.