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Was für ein Abend. Die große Geburtstagsgesellschaft hat mich geschafft. Heute bin ich wirklich froh, dass die Küche zu ist. Jetzt kann ich wenigstens in Ruhe aufräumen. Ich mag es nicht, wenn ich am nächsten Tag an den Herd zurückkehre und die Sachen sind noch dort, wo ein Koch sie achtlos hat liegen lassen. Mit meiner Küche bin ich wahrhaft penibel. Denn wenn ich erst Ordnung ins Durcheinander bringen muss, bevor ich mit dem Kochen beginnen kann, dann bekomme ich schlechte Laune.

Hans Gustav war heute Abend mit seiner Freundin da. In der letzten Zeit habe ich meinen Vater viel zu selten zu Gesicht bekommen und auch heute war nicht viel Zeit, um ein wenig länger zu reden oder wenigstens zu plaudern. Schade, denn in den letzten Jahren haben wir eine sehr enge Beziehung zueinander entwickelt. Das war nicht immer so. Wir haben uns nicht gestritten oder so, aber ich habe ihm zu Unrecht ziemlich lange misstraut. Als er und Elisabeth mich mit 14 Jahren in ihre Familie aufgenommen haben, war ich von den Erlebnissen in meiner Heimat traumatisiert und von der Flucht geschwächt. Elisabeth hat mich sehr behutsam an das gemeinsame Familienleben gewöhnt. Mt Emma hatte ich gleich einen Draht, weil wir unsere verwundeten Seelen zusammenbringen und gemeinsam heilen konnten.

Hans Gustav aber war immer weit weg von mir. Das lag nicht nur daran, dass er als Theaterregisseur viel unterwegs gewesen ist. Wenn wir zusammen waren, vor allem dann, wenn wir alleine gewesen sind, nur er und ich, dann wirkte er irgendwie unbeholfen und distanziert auf mich. Er war immer freundlich zu mir, aber es war eine verzweifelte Freundlichkeit, denn er kam nicht richtig an mich ran. Ich war nicht böse oder aggressiv, aber ich muss ihm gegenüber sehr abweisend gewesen vielleicht sogar kaltherzig erschienen sein. Ich hatte zwar Respekt vor ihm, aber in mein Herz wollte ich ihn nicht hereinlassen.

Der Senegal ist eine von Männern dominierte Gesellschaft. Mein leiblicher Vater, der die Rolle des borom ker (Wolof für Herr des Hauses) voll und ganz so ausfüllte, wie die Tradition es in seinen Augen verlangte, war für mich eine starke Persönlichkeit, aber ich betrachtete ihn ohne Liebe. Neben meiner Mutter hatte er noch zwei andere Frauen, insgesamt waren wir 13 Kinder. Die Männer in unserem Dorf und natürlich ganz besonders mein Vater waren für mich Respektspersonen, aber vertraut und geliebt habe ich vor allem die Frauen um mich herum, meine Mutter, meine Schwestern.

Als ich den Senegal verliess, hatte ich schon so vieles gesehen und erlebt, das mindestens für 100 Erwachsenenleben gereicht hätte. Trotzdem hatte ich die „Rolle des Mannes“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht übernommen. Für das senegalesische Verständnis war ich spät dran damit ein Mann zu werden, denn immerhin war ich schon fast 12 Jahre alt, als ich meiner Heimat den Rücken kehrte. Mit 12 war ein Junge im Senegal schon ein Mann, ich aber fühlte mich noch als Kind.

Wie komme ich jetzt nur darauf? Ach so, wegen Hans Gustav. Meine abweisende Schüchternheit ihm gegenüber muss wohl aus meiner senegalischen Kindheit rühren. Er war für mich anfangs einfach nur das Familienoberhaupt und ich dachte immer, dass er so sei, wie die Männer und mein Vater in der Heimat. Dabei habe ich ihn einfach nur nicht gekannt, vielleicht sogar nicht kennen können, er war ja oft nicht da. Wenn ich noch …

Oh, so spät schon. Zack, zack, Patrice, spute Dich. Jenna wartet auf Dich.