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Ich laufe durch die Stadt, die in Trümmern liegt. Die Häuserruinen sind ganz schwarz, darüber zeichnet sich scharf der Himmel ab, der so strahlend blau ist, dass meine Augen stechend schmerzen, wenn ich zu lange hoch schaue. Also blicke ich zu Boden, denn ich kann meine Augen nicht schließen. Ich bin barfuß, was mich selbst verwundert, denn der Boden ist nass und kalt, an einigen Stellen meine ich sogar Frostflecken zu entdecken. Aber ich spüre die Kälte nicht, meine Füße sind heiß, sie brennen.

Jetzt blicke ich doch hoch. Am Ende der Straße steht ein Baum, der voll mit roten, saftigen Kirschen ist. Unter dem Baum steht eine Person, ein Mann wie ich vermute. Er steht mit dem Rücken zu mir und sieht so winzig über die Entfernung aus. Vielleicht ist aber auch nur der Baum so riesig. Ich laufe auf den Baum zu, er wird größer und größer und ich sehe, dass die Kirschen von Vögeln, die in dem Baum sitzen, weggepickt werden. Wenn ich mich nicht beeile, sind keine Kirschen mehr da, wenn ich an dem Baum angelangt bin. Der Mann bleibt weiterhin winzig, obwohl ich doch ein gutes Stück näher gekommen bin. Ich will ihn anrufen, aber mein Mund bleibt stumm. Da dreht der Mann sich um. Ich erkenne meinen Vater.

Ich stehe auf einer Wiese, die endlos zu sein scheint. Das leuchtend grüne Gras ist mit gelben Butterblumen gespickt. Der Himmel über der Wiese ist von demselben Stahlblau wie der in der Stadt. Ich schaue auf meine Füße, die jetzt in gelben Gummistiefeln stecken. Sonst bin ich nackt. Erschrocken blicke ich mich um, wenn mich jemand so sieht, wie unangenehm! Am Horizont taucht eine Gestalt auf, die seltsam verschwommen ist. Ich will meine Brille aufsetzen, da bemerke ich, dass ich sie ja schon auf der Nase trage. Die Halme des Gräser, die Blütenblätter und der Horizont, all das ist gestochen scharf gezeichnet, nur die Person, die jetzt näher kommt, kann ich weiterhin sehr schlecht erkennen. Als ich mich umsehe, stelle ich fest, dass es überhaupt keine Bienen oder andere Insekten auf dieser Wiese gibt. Auch ist es schrecklich still um mich herum, es gibt nicht das leiseste Geräusch, gerade so als ob der Mund der Welt aufgehört hätte, zu sprechen. Ich bin nicht taub, es ist das Drumherum das keinen Laut mehr von sich gibt. Ich schaue wieder zu der Person. Er, denn es ist ein er, dass kann ich an Haltung und Figur erkennen, ist deutlich näher gekommen. Die Umrisse des Mannes sind immer noch sehr verwischt, ich kann das Gesicht nicht richtig sehen. Aber ich bemerke, dass der Mann etwas in seiner Hand hält, etwas rotes, pulsierendes. Es ist sein eigenes Herz, das der Mann in der Hand hält. Als ich meinen Kopf wieder hebe, sehe ich, dass der Mann mein Vater ist. Er kommt auf  mich zu mit seinem Herz in der Hand und ihm laufen Tränen in Strömen aus den Augen. Ich schreie, aber es kommt kein Laut aus meinem Mund.

Ich wache auf. Wo bin ich? Ich bin verschwitzt, ich brauche dringend ein Glas Wasser. Hans Gustav liegt neben mir, er atmet ruhig.