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Es ist einfach schrecklich, aber mit zunehmenden Alter wache ich immer früher auf. Was waren das noch Zeiten, als ich bis 8 Uhr schlafen konnte. KONNTE. Jetzt schätze ich mich glücklich, wenn ich es schaffe, nicht vor 5 Uhr schon wach zu sein. Gertrude scheint es ähnlich zu gehen, sie ist sogar schon aufgestanden. Sie hat sehr unruhig geschlafen, sich hin und her gewälzt. Bestimmt hatte sie wieder einen dieser Träume, in denen sie auf ihren Vater trifft, ihn aber niemals wirklich erreichen kann. Gertrude hat ihre leiblichen Eltern so früh verloren, sie hat eigentlich keine echten Erinnerungen mehr an ihre Mutter oder ihren Vater. Trotzdem träumt sie oft von ihren Eltern. Sie hat mir erzählt, dass sie diese Träume erst seit ein paar Jahren heimsuchen; eigentlich erst, seitdem sie wieder in Berlin lebt. Sie erklärt sich das damit, dass Berlin für sie der Ort ihrer Eltern ist, mehr als alle anderen Orte auf dieser Welt, in denen sie gelebt hat.

Ich träume selten von meinen Eltern. Mein Vater ist letztes Jahr im April gestorben und meine Mutter kurz danach, aber sie waren beide schon fast 90 Jahre alt. Ihn hat wortwörtlich der Schlag getroffen. Er saß wie üblich auf seiner Bank in dem kleinen Garten hinter dem Haus meiner Eltern und ist muss wohl ganz plötzlich zusammengesackt sein. Als meine Mutter ihn gefunden hat, hat er ein Lächeln auf dem Gesicht gehabt. Bis zu seinem letzten Tag war er ein geistig und körperlich fitter, aktiver Mensch, wie meine Mutter auch. Sie ist ihm dann ein paar Wochen später gefolgt. Nach seinem Tod wollte sie einfach nicht mehr. Die beiden waren fast 70 Jahre lang ein glückliches Paar, da geht man wohl zusammen aus dem Leben.

Das Essen mit Gertrude gestern war wirklich schön. Patrice kocht aber auch verdammt gut, ich bin richtig stolz auf meinen Jungen. Anfangs, als Patrice zu uns gekommen ist, waren wir uns sehr fremd, obwohl ich der einzige in der Familie war, der sich mit ihm auf Französisch unterhalten konnte,  denn Deutsch hat er zu diesem Zeitpunkt noch kaum gesprochen. Trotz der sprachlichen Barrieren sind Emma und er gleich ganz vertraut miteinander umgegangen. Und Elisabeth hat Patrice sofort in ihr großes, weiches Mutterherz aufgenommen. Ich bin mir heute sicher, dass Elisabeth gerne noch viele weitere Kinder gehabt hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Aber das Schicksal wollte es anders. Jedenfalls hatte ich am Anfang meine Schwierigkeiten mit dem Jungen, ich bin einfach nicht an ihn herangekommen. Das lag sicherlich auch daran, dass der Junge aus dem Senegal geflüchtet war und völlig verängstigt und misstrauisch gewesen ist. Aber da war noch etwas anderes, das zwischen uns gestanden hat und das ich mir bis heute nicht erklären kann: Der kleine, schmächtige, furchtsame Patrice hat mich komplett verunsichert damals. Ich fühlte mich schwach in seiner Gegenwart, dabei hätte ich als Erwachsener und Vater ihm doch meine „starke Schulter“ anbieten müssen bei alldem, was er hatte durchmachen müssen. Aber ich wusste einfach nicht, wie ich mit ihm umgehen soll. Ich …

Ja? Ich bin auch schon wach, Liebling. Ich komme gleich – ja, Kaffee klingt gut.