06:07

Schlafen mit Baby-Bauch ist sehr unbequem, vor allem für meinen Rücken. Außerdem bin ich morgens immer schon wach bevor die Vögel zwitschern und abends dafür gegen 18 Uhr so müde, als hätte ich den ganzen Tag Steine geschleppt. Immerhin sind das die einzigen unangenehmen Nebenwirkungen meiner Schwangerschaft, sonst geht es mir hervorragend. Und während die meisten sich darüber beschweren, dass der Sommer hier nicht so richtig in die Gänge kommt, bin ich froh, dass hochsommerheiße Temperaturen sich bislang noch nicht eingestellt haben. Denn Bewegen mit Baby-Bauch, wenn dabei der Schweiß in Strömen läuft, ist alles andere als angenehm.

Vince schläft noch. Er sieht so jung aus, wenn er schläft. Seine langen dunkeln Wimpern zittern ganz leicht, aber seine Lider liegen ganz ruhig über seinen Augäpfeln, er atmet tief und regelmäßig. Warum sehen wir eigentlich so kindlich aus, wenn wir schlafen? Das habe ich mich schon manches Mal gefragt. In der 8. Klasse, ich war 13 Jahre alt, sind wir in mit der Schule eine Woche lang an die Ostsee gefahren. Wir waren in einer Jugendherberge mit Mehrbettzimmern untergebracht und sind natürlich bis spät in die Nacht wach geblieben, weil das alles so aufregend und spannend war. Unsere Lehrer hat das fast zur Weißglut gebracht. 20 pubertierende Jugendliche fünf Tage lang Tag und Nacht zu beaufsichtigen war für sie wahrscheinlich schlimmer als einen Sack Flöhe zu hüten. Jedenfalls haben wir die Nacht zum Tag gemacht und haben die Klassenkameraden, die schon früher eingeschlafen sind, mit meiner Kamera fotografiert.

Etwa drei Wochen nach der Klassenfahrt waren die Fotos endlich entwickelt – stimmt, damals hatte ich noch einen Fotoapparat mit echten Filmen drin. Das war noch etwas anderes, diese Spannung, bis man die Fotos endlich abholen und ansehen konnte. Und es waren auch nicht Tausende von Fotos, so wie heute mit den Digitalkameras. Aber gut, was war mein eigentlicher Gedanke? Morgens kurz nach dem Aufwachen gebe ich mich zu gerne meinen Gedankenschleifen hin … Zurück zum Ursprung meiner Überlegungen, es ging ja gerade darum, wie kindlich wir aussehen, wenn wir schlafen und die Fotos von meinen schlafenden Klassenfreundinnen. Schon damals als wir die Bilder angesehen haben, waren wir sehr erstaunt darüber, wie jung alle darauf aussehen. Also gar nicht wie 13-Jährige sondern eher wie 8- oder 9-Jährige. Meine damals beste Freundin K hat sogar wie eine 5-Jährige ausgesehen, wie ein kleines Mädchen eben.

Vielleicht sehen wir so jung aus, weil wir äußerlich so friedlich sind, wenn wir schlafen. Das ist natürlich nur der Eindruck den wir beim Betrachter hinterlassen, denn in uns kann es stürmisch, wild und bisweilen sogar kriegerisch zugehen, wenn wir Träumen. Doch für die, die uns zusehen, wenn und wie wir schlafen, ist von unseren inneren Abenteuern und Unruhen oft nichts zu erkennen (außer wenn wir uns in einem Alptraum gefangen herumwälzen oder gar weinen und schreien).

Mein Vince liegt jetzt ganz friedlich da. Er sieht zwar nicht mehr wie ein Kleinkind aus, aber wenn er schläft, erkenne ich den Jungen in ihm. Dann kann ich kaum glauben, dass er bald Papa wird. Vince ist wirklich der liebste werdende Vater der Welt, allerdings geht er mir manchmal mit seiner Fürsorglichkeit auf die Nerven. So kannte ich ihn bislang gar nicht. „Chérie, pass auf, dass …“ und „Lisa, sei bitte vorsichtig, ja?“ oder „Warte, ich mach das für Dich.“ Das kann ganz schön anstrengend sein, auch wenn es lieb gemeint ist. Aber er wird zum ersten Mal Papa,  da ist es vielleicht normal, dass er so unsicher ist. Er …

Oh, er bewegt sich. Seine Mundwinkel zucken. Seine Augen sind schon halb geöffnet. Diese wunderschönen dunkelbraunen Augen. Bonjour, mon amour.