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Recep Tayyip Erdoğan rasselt mit dem Säbel und die Lage in der Türkei spitzt sich zu. Das beunruhigt mich, aber trotzdem finde ich es gut, dass sich etwa die Hälfte der türkischen Bevölkerung nicht einfach den Mund verbieten lässt. Da kann der türkische Ministerpräsident, der sich wie ein Sultan aufführt, noch so sehr  damit drohen, dass seine 50-Prozent-Anhängerschaft für ihn kämpfen wird. Denn die anderen 50 Prozent halten dagegen.

Es ist richtig, Erdoğan hat viel für die Entwicklung der Türkei getan. Die Wirtschaft, die Infrastruktur, die wirtschaftliche Situation vieler Bürger hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Warum aber will er sein Land, unser Land gesellschaftlich zurück in die Steinzeit schicken? Die Proteste im Gezi-Park haben Kreise gezogen, weil es nicht einfach nur um die Bebauung einer Grünanlage im Herzen Istanbuls geht. Es geht um die Grundfesten der türkischen Republik. Die klare Trennung von Kirche und Staat, die Atatürk nach dem ersten Weltkrieg eingeführt hat, um das Osmanische Reich in eine moderne Republik zu verwandeln, wird von der jetzigen Regierung sukzessive unterwandert, religiöse Motive halten verstärkt Einzug in die Politik.

Die Demonstrationen finden in Istanbul auf dem Taksim-Platz, in Ankara und anderen türkischen Städten statt, aber auch in Deutschland gehen immer mehr Menschen auf die Straße, um gegen die rigorose Machtpolitik Erdoğans zu protestieren. Was ich aber richtig erstaunlich finde, ist das Mitgefühl, das viele Deutsche (die ganz ohne türkische Wurzeln sind) für die Geschehnisse in der Türkei zeigen. Wenn ich sehe, wie viele meiner deutschen Freunde auf Facebook und Twitter zum Thema posten, wie viele Zeitungen in Deutschland von den Protesten berichten und dabei nicht verhehlen, dass sie offenbar Sympathie für die Regierungsgegner hegen, dann fühle ich, wie mir warm um mein türkisch-deutsches Herz wird.

Ich habe fast das Gefühl, dass, als die Menschen in Tunesien und Ägypten auf die Straße gegangen sind, als der Bürgerkrieg in Syrien ausgebrochen ist, die Kommentare nicht so vielzählig und nicht so emotional gewesen sind. Vielleicht irre ich mich (selektive Wahrnehmung!), aber mir scheint, dass es eine stärkere Verbundenheit zwischen Türken und Deutschen gibt – allen Unkenrufen zum Trotz, die da sagen, die Integration sei komplett misslungen und Deutsche und Türken lebten nur in Parallelwelten, ohne sich im realen Leben wirklich begegnen zu wollen. Denn wir sollten nicht vergessen: In Deutschland lebt die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei. Und zur WM 2006 haben die Türken in Deutschland mit den Deutschen gefiebert und gefeiert. Generell sind die Fußballspiele zwischen türkischen und deutschen Teams meistens sehr friedlich. Es geht den Fans auf beiden Seiten um den Kampf im Spiel und nicht um gewalttätige Auseinandersetzungen danach. Das ist schon etwas. Natürlich ist nicht alles rosig und wir sind noch lange davon entfernt, eine totale Multi-Kulti-Gesellschaft zu sein. Europa selbst hat ja so seine Probleme alle seine Nationalitäten unter den EU-Hut zu kriegen. Immerhin gibt es bei all den Zickereien und Streitigkeiten schon lange kein Krieg mehr, es funktioniert also doch irgendwie mit dem Zusammenleben. Insofern bin ich gespannt, ob die jetzigen Ereignisse den Eintritt der Türkei in die EU beschleunigen können.

Was wohl in den nächsten Wochen passiert? Ob Erdoğan doch noch einlenkt, seine markigen Sprüche und seine „Ich leg meine Eier auf den Tisch“ Attitüden mal runterfährt und Dialogbereitschaft signalisiert ? Ich wünsche es mir sehr. Damit die Gewalt gegen die Demonstranten nicht noch schlimmer wird und es richtig eskaliert in meiner anderen Heimat.