10:11

Berlin ist doch ein Dorf. Wir haben gerade meine Schwester getroffen, die im Park joggen war. Emma ist damit so diszipliniert, ich bewundere das. Ich selbst bin noch nie gerne Laufen gegangen, ich kann diesem Sport einfach nichts abgewinnen. Überhaupt ist Sport nicht so meins. Fahrrad fahre ich zwar gerne, aber das war es dann auch mit meinen sportlichen Aktivitäten. Vince fragt mich immer wieder, ob ich mit ihm Badminton spielen gehe. Bislang habe ich mich immer gut herausreden können. Das Lustige daran ist, dass Vince genau weiß, dass ich darauf keine Lust habe und dass ich deshalb immer irgendwelche Gründe vorschiebe, warum ich nicht mitkommen kann. Es ist mittlerweile eine Art Spiel zwischen uns. Er fragt, ich sage, dass ich irgendwas Wichtiges zu tun habe, er ist mäßig enttäuscht und dabei sogar ein wenig amüsiert und geht dann mit seinen Kumpels spielen.

Schade, der sommerliche Himmel mit Sonne und in Strahlendblau ist erst mal vorbei. Jetzt sind schon wieder Wolken da, es wird doch nicht schon wieder regnen? Das Wetter. Ein Dauer-Brenner und vermutlich das beliebteste (oder wenigstens das am häufigsten angesprochene) Thema seitdem die Menschen in der Lage sind über Sprache miteinander zu kommunizieren. Vielleicht haben sich unsere Vorfahren auch schon mit Händen, Grimassen und Schreien über Regen, Sonne, Sturm und Hagel ausgetauscht. Wenn ich mir das vorstelle, muss ich fast lachen, so komisch sieht das aus. Urmenschen die schreiend und keifend zum Himmel hoch zeigen, das Gesicht dabei verziehen, wobei „Mundwinkel nach unten“ Regen, „Naserümpfen“ Sonne und „Augenbrauen hoch“ Sturm bedeutet. So könnte es gewesen sein zu Steinzeiten.

Wenn ich das jetzt Vince erzählte, er würde lachen. Er mag meine ulkigen Einfälle und ist immer wieder begeistert, dass da so viel Fantasie in meinem Köpfchen ist. Wo bleibt er überhaupt? Er wollte doch nur schnell „für Jungs“ und um die Uhrzeit sind Restaurant und Biergarten noch nicht so voll, dass er anstehen muss. Ach, er ist da am Kiosk und holt sich wohl einen Kaffee wie es aussieht. Bestimmt bringt er mir auch noch einen Snack mit, weil er glaubt, ich hätte heute zum Frühstück nicht genug gegessen und ich könnte verhungern. Mein überfürsorglicher Bald-Papa. Ja, sieht tatsächlich so aus – er hält ein belegtes Brötchen in seiner Hand und strahlt über das ganze Gesicht.

Merci mon chéri, dass ist ganz lieb, aber ich habe wirklich keinen Hunger gerade …