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Die Sonne scheint auf meinen Küchentisch. Und auf meinen Bildschirm. Ich kann kaum die Buchstaben in dem geöffneten Word-Doc lesen, so hell ist das Licht. Das hilft mir nicht gerade weiter, soll ich doch am Montag meinen Vorschlag für die Masterarbeit bei meinem Professor abgeben, ein Exposé zum Thema „Subjektivität und Einfluss auf Kommunikation und Konflikt unter Berücksichtigung von geschlechtlichen und kulturspezifischen Variablen“. Meine eigene Idee, ich war ja ganz begeistert von dem Einfall. Die Einleitung habe ich auch schon geschafft, aber die Beschreibung der wissenschaftlichen Arbeit, was ich da untersuchen kann, da fehlt mir gerade die Eingebung. Lisa ist leider nicht mehr dafür zu haben, sie wird ab September einige Monate, vielleicht sogar ein ganzes Jahr ihr Studium aussetzen. Klar, Kind geht vor …

Wie es wohl wäre, wenn ich mein Kind nicht verloren hätte? Dann hätte ich jetzt auch einen kugelrunden Bauch und würde wohl alle paar Minuten vergessen, was ich hätte gerade für dieses Exposé schreiben wollen. Schwangerschaftsdemenz. Lisa lacht darüber, wenn sie mir erzählt, was sie wieder alles vergessen hat. Gestern hat sie sogar vergessen, dass ich sie angerufen hatte. Sie war gerade mit irgendetwas beschäftigt und wollte mich fünf Minuten später zurückrufen. Als ich es dann nach drei Stunden noch einmal versucht habe, weil ich mir schon Sorgen gemacht habe, dass sie gar nicht zurück ruft, da hat Lisa einen richtigen Lachanfall bekommen. „Ich bin gerade einfach unmöglich,“ hat sie dann gesagt. Aber das stimmt nicht. Sie ist einfach toll. Wirklich die beste Freundin, die ich mir wünschen kann.

Wahrscheinlich hätte ich das Studium schmeissen müssen, denn ich hätte mir recht schnell nach der Geburt des Jungens? Mädchens? einen Job suchen müssen. Der Erzeuger hat zwar Geld, aber den hätte ich auf gar keinen Fall fragen wollen. Denn mehr wäre er für mich und mein Kind nicht gewesen, als ein, nun ja, als ein Samenspender eben. Vater? Auf gar keinen Fall! Meine Eltern, da hätte ich mich gar nicht getraut zu fragen. Sicher, sie hätten mich unterstützt, aber ich hätte ihre Hilfe nicht annehmen wollen. Schließlich habe mich durch meine eigene Kopflosigkeit in diese Situation gebracht, damit kann ich niemand anderes und schon gar nicht meine Familie belasten. Aber es ist ja alles anders gekommen. Und obwohl ich heute erleichtert bin, dass sich diese Unglückssituation von selbst aufgelöst hat – ich spüre ein Loch in meinem Bauch, es fehlt etwas in mir, mit mir. Ich weiß nicht, ob ich diese leere Stelle jemals wieder füllen kann.

Genug der gedanklichen Abschweifungen. Ich habe hier ein leeres Blatt zu füllen, dass ist schon schwer genug, so wenig wie mir dazu gerade einfällt. Vielleicht rufe ich doch noch mal bei Lisa an und hole mir Inspiration.