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Josh müsste auf dem Weg zum Flughafen sein. Er wird sich wohl bei mir melden, ob das Flugzeug pünktlich startet. Vor ein paar Monaten hätte ich nicht geglaubt, dass wir heute noch zusammen sind. Ich habe ihm verziehen, aber habe ich das wirklich? Eine Unsicherheit bleibt. Und manchmal fühle ich mich besser, wenn ich weiß, dass er ganz weit weg von mir ist und in einer anderen Zeitzone. Dann stelle ich mir vor, dass wir nicht mehr zusammen sind, sondern in verschiedenen Dimensionen leben, er ist dann nur noch zweidimensional in meinen Gedanken, flach wie ein Papier, ohne Konturen und das zu denken, zu fühlen sogar, das ist wohltuend für meine Seele.

Ich bin noch nicht ganz über die Verletzung hinweg, ein feiner Riss ist da, noch nicht vernarbt, blutet er still und leise vor sich hin. Aber ich gebe mir Mühe, ich will es nicht so einfach sein lassen mit Josh, denn irgendwie fühle ich mich ihm verbunden, obwohl wir uns auch schon vor der Krise nicht so viel zu sagen hatten. Er führt ein ganz anderes Leben als ich. Ich hänge in der Luft und er steht mit beiden Beinen auf der Erde, obwohl er es doch ist, der ständig in Flugzeugen Tausende Meilen über dem Boden schwebt. Ich glaube zumindest, dass er geerdet ist, vielleicht irre ich mich auch? Diese Geschichte mit Sevtap hat mein Bild von Josh, dem starken, dem selbstsicheren Josh, verändert, es hängt nun schief an der Wand meiner Erinnerungen. Vielleicht sollte ich mich doch endlich trauen und Sevtap fragen, was da damals gelaufen ist und wie es dazu kommen konnte. Ich kenne ja nur die Josh-Version, aber jede Geschichte hat mehrere Seiten und es wäre tatsächlich sehr interessant für mich zu erfahren wie Sevtaps Sicht auf die Dinge ist. Mag sein, dass es mich noch mehr beunruhigt mehr zu wissen, mag sein, dass ich mich dann doch von Josh trenne, weil ich es nicht ertragen kann. Aber eine Chance, dass ich ihm wirklich verzeihen kann, gibt es damit auch.

Papa weiß von nichts. Ich wollte ihn da raushalten. Lisa und Patrice sind glücklicherweise sehr verschwiegen und haben mir dadurch peinliche Fragen erspart. Wie er da vor mir sitzt, mein alter Vater. Habe ich das wirklich gedacht? Mein alter Vater? Ja, er ist wirklich alt geworden, nicht unattraktiv, die Falten stehen ihm gut zu Gesicht. Auch hat er immer noch dieses wache an sich, ständig auf Beobachtung und auf der Suche nach neuen, spannenden Stoffen für sein Theater. Aber er milder geworden, bedächtiger und steht nicht mehr so unter Strom wie früher. Ich kann gut verstehen, dass er in jüngeren Jahren oft aufgedreht und überdynamisch gewesen ist – wenn die größte Liebe des Lebens das Theater ist, muss diese Liebe wohl auch alle Facetten der Geliebten ständig widerspiegeln – hochdramatisch, tragisch und manchmal urkomisch.

Wenn er mir jetzt so gegenüber sitzt und von Gertrude, der schwangeren Lisa, Patrice‘ Kochkünsten und meiner Reportage schwärmt, dann möchte ich ihn am liebsten sofort in den Arm nehmen. Wie immer, wenn wir uns hier zum Essen treffen, bestellt er ein großes Radler und die Gulaschsuppe. Er hat noch nie etwas anderes bestellt in diesem Restaurant, zumindest nicht, wenn wir hier zusammen sind. Vielleicht eine Konstante in seinem sonst so unsteten Leben. Dabei gibt es so viele leckere Tagesgerichte.

Ich glaube, ich nehme den Salat mit den getrockneten Tomaten und den Ziegenkäse-Crostinis und zu trinken? Eine Ananassaftschorle, bitte.