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Wenn es wärmer wird, riecht die Stadt nach Körperausscheidungen. Der Geruch von Urin und Hundekot ist naheliegend, der von Schweiß auch, aber das es an einigen Stellen nach Sperma riecht, finde ich doch verwunderlich. Das ist der Sommerduft von Berlin und man merkt, dass es hier ungewöhnlich dreckig ist für eine deutsche Stadt. Ich habe mich allerdings so daran gewöhnt, dass ich eher verwundert bin, wenn ich irgendwohin komme, wo alles sauber und aufgeräumt ist.

An Dreck und Müll kann man sich gewöhnen. Zu viel davon und die Abscheu wird milder. Das ist mit dem Dreck, den Fastfood-Ketten als Essen verkaufen, genauso wie mit dem Müll, der im Fernsehen gezeigt wird. Ich gebe zu, ich brauche einmal im Monat diese Glutamat-Burger-Bombe mit dem Plastik-Schmelzkäse, die es bei ** für 3,99 Euro gibt. Patrice schüttelt darüber nur den Kopf, er ist wirklich sehr dogmatisch, wenn es um Essen geht. Er hat mir erzählt, dass er nur einziges Mal in seinem Leben bei ** gewesen ist. Er hat einen Cheeseburger bestellt, einmal reingebissen und ihn dann weggeworfen, so sehr hat ihn das angeekelt. Das ist wohl der Unterschied zwischen uns Wohlstandskindern und denen, die wie Patrice, aus der schlimmsten Armut kommen:

„Wenn Du erlebt hast, wie schlimm Dein Leben sein kann, wirst Du, wenn es Dir besser geht, den Müll und Dreck verachten und allen den Dingen den Vorzug geben, die Dich daran erinnern, dass es Dir jetzt besser geht. Du wirst nur Gutes essen, denn dieses Essen schmeckt nach dem schönen Leben. Du wirst nur Feines essen, denn dieses Essen lässt Dich für den Moment ein Stück weit vergessen, was Du erlebt hast.“

Das hat Patrice mir gesagt und ich verstehe gut, warum er Junk-Food nicht ertragen kann. Aber ich kann nicht anders, komme doch gerade ich aus dem Land, dass den Wohlstandsmüll geradezu erfunden hat. Natürlich habe ich schlechtes Gewissen Patrice gegenüber. In der Tat ist es erschreckend, denn ich fühle mich ein bisschen unbehaglich, wenn der Dreck fehlt. Geht es mir zu gut, habe ich ein Luxusproblem? Ich mag den Dreck in Berlin und ich will auf den monatlichen Billig-Burger nicht verzichten müssen. Und auch beim Fernsehen ertappe ich mich dabei. Es ist bestimmt kein Zufall, dass ich Medienwissenschaften studiert habe und mich seit geraumer Zeit mit den Niederungen der amerikanischen und deutschen TV-Unterhaltung beschäftige. Natürlich alles im Namen der Wissenschaft, aber auch – das kann ich nicht verhehlen – mit einer gewissen Faszination für das Abstossende. Sicher, oft langweilt mich das was ich sehe, aber mitunter bereitet es mir Vergnügen, trashigste Sendungen anzusehen, ja, ich fühle mich dann überlegen und besser, weil das, was dort gezeigt wird, so niveaulos, so schamlos ist. Ich …

Ach, ja. Ich nehme eine Schale Erdbeeren, die sehen gut aus. Und von den Himbeeren auch. Haben Sie auch noch Spargel?