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Die Oper macht ständig Theater. So ähnlich könnte man das wohl nennen. Ich tue mich immer noch schwer diesem Bühnenformat etwas abzugewinnen, da sich in meinen Augen Geschichten besser durch eine Theaterinszenierung erzählen lassen. Opern sind auch immer schrecklich dramatisch, vielleicht auch deswegen, damit der Gesang nicht deplatziert wirkt. Normalerweise ist die Geschichte überladen, die Kulisse überkandidelt und die Darstellung übertrieben bis schrill. Aber gut, Gertrude wollte so gerne in „La Traviata“ gehen und ich kann ihr einfach keinen Wunsch abschlagen. Nun sitzen wir also in der Staatsoper im Schiller Theater und sehen uns das wohl Bekannteste Stück von Verdi an. Eine arg konstruiertes Drama zwar, aber nicht uninteressant. Dabei finde ich nicht etwa die Unmöglichkeit einer glücklichen Liebe zwischen Violetta und Alfredo spannend (das gibt es ja in mannigfaltigen und besseren Variation), sondern das Verhältnis von Vater und Sohn:

Die Kurtisane Violetta Valéry veranstaltet in ihrem Salon eine Feier und trifft dort auf den jungen Alfredo Germont. Die beiden verlieben sich und ziehen Hals über Kopf zusammen in Haus außerhalb von Paris. Violetta finanziert das Leben des Liebespaares, indem sie nach und nach ihre Besitztümer verkauft. Als Alfredo das herausfindet, ist er beschämt und kehrt nach Paris zurück, um selbst für den gemeinsamen Lebensunterhalt zu sorgen. Während seiner Abwesenheit taucht sein Vater Giorgio Germont (gewissermaßen aus dem Nichts!) im Haus von Violetta auf.

Erst dringt der Vater in Violetta ein, das Liebesverhältnis mit seinem Sohn zu beenden, um das Ansehen seiner Familie zu wahren (warum eigentlich?). Violetta gehorcht und verlässt Alfredo. Bei dem nächsten Zusammentreffen der beiden beleidigt Alfredo, der tief gekränkt und eifersüchtig ist, Violetta vor der geladenen Gesellschaft*. Er weiß natürlich immer noch nichts von dem Ränkespiel seines Vaters. Sein Vater, der bei dieser Begebenheit auch zugegen ist (warum eigentlich?), ist entsetzt über das Verhalten seines Sohnes und macht ihm Vorwürfe, eröffnet Alfredo aber immer noch nicht Wahrheit (warum eigentlich nicht?).

Es kommt zum Duell zwischen Alfredo und seinem alten Rivalen Baron Douphol, der die Ehre Violettas wieder herstellen will. Alfredo geht als Sieger aus dem Duell hervor, muss jedoch für einige Zeit das Land verlassen. Jetzt endlich enthüllt der Vater seinem Sohn, welches Versprechen er Violetta abgerungen hat (jetzt! endlich!). Alfredo eilt zu der geliebten Frau zurück, die krank danieder liegt. Die beiden gestehen sich ihre Liebe, der Vater segnet das Paar (warum nur ist er schon wieder zugegen?). Für die irdische Liebe ist es jedoch zu spät, Violetta stirbt in den Armen Alfredos. Und so weiter und sofort.

Für mich liegt der Kern der Geschichte darin, dass der Sohn ein unglaublicher Schwachkopf ist und die starke Frau an seiner Seite zwangsläufig sterben muss, weil sie ihn sonst nicht mehr ertragen könnte und aus freien Stücken verlassen würde. Denn Alfredo ist ein unreifes Kind: Er lässt von seinem Vater bevormunden, der ihn zudem wie einen kleinen, dummen Bengel behandelt und keinesfalls als erwachsenen Mann wahrnimmt. Kein Wunder also, dass Alfredo erst nach einigen Monaten des Zusammenlebens sich fragt, woher wohl all das Geld für den Lebensunterhalt kommen mag. Kinder fragen ja auch nicht danach. Schließlich versucht er mehrmals überstürzt, seine Ehre als „Mann“ zu retten, was tragisch endet. Und am Ende braucht es noch den Segen des Übervaters, der aber alles andere als segensreich ist und Violetta den endgültigen Todesstoss verpasst.

* „Als Zigeunerinnen und Stierkämpfer verkleidete Gäste unterhalten die anderen mit Tanz und Gesang.“ Was für ein, pardon, Kitsch.