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Vince ist noch unterwegs mit Louis (was der wohl macht? Er war ja plötzlich verschwunden …) und Sevtap gerade wieder losgedüst. Jetzt habe ich meine Ruhe, aber keinen Film zur Hand, was mich aber nur mäßig stört, denn das Schöne am Schwangersein ist, dass man mehr Muse zum und Lust aufs Lesen hat. Das gilt jedenfalls für mich. Mein liebstes Möbelstück seit ein paar Wochen ist die Couch und da ich Fernsehen für Zeitverschwendung halte, kann ich mich der Literatur widmen. Gerade ist Kafkas Schloß dran. Ein gutes Buch, dass ich schon zum zweiten Mal regelrecht verschlinge. Ich bin noch recht weit am Anfang der Geschichte – K. hat Frieda soeben im Ausschank des Herrenhofs getroffen – aber es gefällt mir immer besser, was ich da lese. Als ich die Geschichte zum ersten Mal in der Schule gelesen habe, konnte ich nicht recht viel damit anfangen. Kafkas „Verwandlung“ sagte mir damals mehr zu, wohl auch, weil die kurze Geschichte um Gregor Samsa einen gewissen Grusel erzeugt hat, was als Teenager unendlich spannender erscheinen mag.

Kein Wunder aber, dass ich  „Das Schloß“ heute mehr und mehr mag, habe ich doch in den letzten Jahren eine ausgeprägte Vorliebe für die Autoren entwickelt, die zwischen 1880 und 1940 geschrieben haben. Bewegte Zeiten damals, große gesellschaftliche Umbrüche und damit meine ich nicht nur die zwei Weltkriege. Auch die (westliche) Welt hat sich damals radikal verändert und den Weg für unsere heutige Gesellschaft geebnet.

So hat Kafka sich oft mit Sinn und Unsinn von Bürokratie auseinander gesetzt und vorausgesehen, woran wir heute noch schlimmer leiden: Es gibt keine Verantwortlichen mehr, die Mächtigen agieren als Schatten im Hintergrund und scheuen die Öffentlichkeit wie die Herren aus dem Schloß die Dorfbewohner. All die Krisen, die wir erleben, von Banken über NSU bis NSA – keiner will davon gewusst haben, keiner will es gewesen sein. Eine Merkel, ein Obama, ein Hollande und vielleicht sogar ein Putin: Sie alle sind nur Stellvertreter für diejenigen, die sich hinter ihrer Macht verstecken. Ein Herankommen an die, die wir mit Namen und Gesicht kennen, gibt es für uns trotzdem nicht.

Wenn K. trotzig versucht, sein Recht auf die Arbeit als Landvermesser einzuklagen, so ist das rührend aber sinnlos. Die Sinnlosigkeit seines Tuns ist dem Leser von Beginn an bewusst. Der Leser verfolgt den Kampf K.s gegen eine unsichtbare Verwaltung mit einem Gefühl großen Unbehagens. Die Macht lässt sich nicht berühren, sie ist unantastbar und das hinterlässt einen mehr als schalen Geschmack beim Leser. Eine Geschichte ohne Ende, denn der letzte Satz des Buches hört mittendrin auf, gerade so als ob Kafka dem Leser zurufen wollte: „Was willst Du noch weiterlesen, es ist ja alles schon gesagt und kann sich nur wiederholen.“ Ein Buch ohne eigentliches Ende, was den Leser in diesem Falle jedoch weniger ratlos als verstört zurücklassen muss.

Die Leserin bin in diesem Falle ich. Und weil mich das Buch in seinen Bann genommen hat und mir bei fast jedem Satz neue interessante Gedanken in den Kopf kommen, will ich mich gleich in das nächste Kapitel vertiefen, bevor mir die Augen vor Müdigkeit zufallen. Denn das ist auch eine Begleiterscheinung der Schwangerschaft. Diese frühe Müdigkeit am Abend.